Kunstbetrachtungen, Teil 10

Was ist der Wert der Kunst?

In der letzten Folge der Kunstbetrachtungen ging es um die nicht ausreichend geklärte Bestimmung des Wertes der Kunst für den Betrachter.

Wie Georg W. Bertram, Autor des Buches „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“, im Kapitel „Noch ein Problem: Was ist der Wert der Kunst?“ deutlich macht, ist der Begriff des Wertes im Zusammenhang mit der Kunst noch nicht ausreichend geklärt.

Annäherungen an Begrifflichkeiten

Nach seiner Auffassung „geht es in erster Linie weder um Besitz noch um Werte individuellen oder gesellschaftlichen Verhaltens.“ Um sich dem Verständnis darüber anzunähern, welcher Prozess zwischen Betrachter und Werk in Gang gesetzt wird, damit daraus eine ästhetische Erfahrung entsteht, bezieht sich Bertram auf die kunstphilosophischen Überlegungen von Martin Heidegger (*1889 +1976) und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (*1770 +1831).

In der Abhandlung „Der Ursprung des Kunstwerks“ nimmt Heidegger eine Analyse eines Bildes von Vincent van Gogh vor, auf dem ausschließlich Schuhe zu sehen sind, „die von Alter und Gebrauch gekennzeichnet sind“. In ihrer Nutzlosigkeit charakterisieren sie für Heidegger nicht nur den Gegenstand, sondern auch das Bild, das sich jedem formalen Zweck entzieht.

Gerade in ihrer Unbrauchbarkeit beginnt Kunst uns etwas zu sagen“

Georg W. Bertram, Philosoph und Autor

Daraus folgert Bertram: „Gerade in ihrer Unbrauchbarkeit beginnt Kunst uns etwas zu sagen. Als solche eignet sie sich in besonderer Weise, uns Dinge unseres Lebens vor Augen zu führen. Sie eröffnet uns Blicke auf Vertrautes und überraschende Perspektiven. Sie sagt, wie wir verstehen können, was uns alltäglich umgibt“. Im Fall der gemalten Schuhe geht es um sie „als Teil einer Welt, in der sie im Zusammenhang mit Arbeitsschritten stehen, in der sie mit Unterwegssein und schweren Füßen verbunden sind“.

Im Bezug auf Hegels Philosophie der Kunst betont Bertram den Begriff der Selbstverständigung. Der Betrachter sieht bei einem Kunstwerk, das es ihm etwas über sich und seine Welt sagt. „Der Wert der Kunst besteht darin, dass sie für uns besondere Aspekte der Welt, in der wir leben, und unserer selbst, verständlich macht“, erläutert Betram und ergänzt: „Es geht (für den Betrachter) darum, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.“

Selbstverständnis des Betrachters

Dabei kann nach Bertrams Meinung beispielsweise ein abstraktes Bild ebenso wie ein figürliches Bild zum Selbstverständnis des Betrachters beitragen. Als Beispiel führt er Barnett Newmans Werk „Who is afraid of red, yellow and blue III“ an, das im Stedelijk Museum Amsterdam hängt. „Obwohl nur Farben auf Flächen zu sehen sind, die in unterschiedlichen Varianten miteinander verbunden wurden“, so erläutert Bertram, „halte die Farblichkeit von Newmans Werk Kontakt zu der Welt alltäglicher Erfahrunge, da die von Newman verwendeten Farben in der Welt und in der Vorstellung eines jeden Menschen – außer er ist farbenblind – vorkämen.

Wie der Autor von „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ noch einmal betont, steht die Kunst nicht für sich in einem abgehobenen Raum, sondern ist unverzichtbar mit dem Nachdenken über sie verbunden. Es geht um einen Gegenstand wie das schon erwähnte Werk von Newman, um eine Erfahrung des Betrachters, die es womöglich auslöst, und um eine klar und deutlich zum Ausdruck gebrachte Selbstverständigung des Betrachters, der sagen kann, welche Aspekte eines Kunstwerkes diese gut getroffen hätten. Bertram nutzt dafür den Begriff der Rechenschaft.

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