Ein deutscher Literaturnobelpreisträger: Heinrich Böll

Er gehört mit Günter Grass und Siegfried Lenz zu den literarischen Chronisten der Nazi- und der Nachkriegszeit in Deutschland: Heinrich Böll (*1917 +1985). Mit Romanen wie „Gruppenbild mit Dame“, „Ansichten eines Clowns“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat er sich auch international einen großen Namen gemacht.

1972 erhielt er den Literaturnobelpreis für zwei weitere Werke: „Und sagte kein einziges Wort“ sowie „Billard um halb Zehn“. Zum ersten Mal seit dem Beginn des Dritten Reiches wurde er wieder nach Deutschland vergeben. Die Wahl auf Böll hatte mit mehreren Faktoren zu tun. Neben der literarischen Qualität seines Werkes spielten zum einen seine Popularität jenseits des „Eisernen Vorhanges“ und zum anderen seine Tätigkeit als Vorsitzender des internationalen Schriftstellerverbandes PEN (steht für poets, essayists und novelists) eine Rolle, in der er sich zu einer „Art universellen literarischen Gewissens entwickelt hat und mutig die Regierungen sowohl faschistischer als auch kommunistischer Länder angreift, in denen die Freiheit des Wortes nicht respektiert wird“, wie Dr. Kjell Strömberg von der Schwedischen Akademie schrieb.

Auf Leben und Werk Bölls ging sein Kollege Peter Härtling anlässlich der Nobelpreisverleihung ein. Der bezeichnet ihn als moralischen Aufrührer, was wohl darin begründet ist, dass Böll immer wieder die Schrecken der Nazi-Herrschaft und die Verheerungen, die diese mörderische Diktatur im Nachkriegsdeutschland angerichtet hat, thematisiert – entgegen dem Wunsch vieler, die Zeit von 1933 bis 1945 vergessen zu wollen.

Bölls Kritik richtete sich auch gegen die politische Restauration unter Konrad Adenauer und vor allem gegen die katholische Kirche, die in überkommenen Traditionen und Heuchelei erstarrt war. Das blieb nicht ohne Folgen. Immer wieder wurde er von rechten und konservativen Kräften angefeindet. Doch das focht ihn nie an. Bis ins hohe Alter blieb Böll ein engagierter Bürger, der sich einmischte. Beispielhaft dafür stehen seine Unterstützung der Ostpolitik Willy Brandts, seine Gegnerschaft zum Vietnam-Krieg, seine Bemühungen zur Freilassung seines sowjetischen Schriftstellerkollegen Alexander Solschenyzin und die Unterstützung der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung in den 1980er Jahren.

Und sagte kein einziges Wort“

Vor allem die Nachwirkungen der Naziherrschaft und des durch diese ausgelösten Zweiten Weltkrieg sowie eine in Tradition und Heuchelei erstarrte katholische Kirche thematisiert Heinrich Böll in seinem Roman „Und sagte kein einziges Wort“, dessen Titel dem Lied eines schwarzen Sängers entstammt, das im Radio zu hören ist, und in ähnlicher Form immer wieder im Text aufgegriffen wird. So lässt Böll ein weiteres Thema anklingen: die Sprachlosigkeit, die sich nach dem Schrecken des Krieges und des Völkermordes an den Juden breit machte, und das Schweigen, weil im Nachkriegs-Deutschland keiner mit dieser Schuld leben konnte und wollte und sie am liebsten verdrängte.

Köln ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Eine Stadt liegt in Trümmern. Fred, ein ehemaliger Soldat, der Tod und Zerstörung erlebt hat und davon schwer gezeichnet ist, läuft ohne festes Dach über dem Kopf durch Straßen voller Schuttberge. Sein Geld verdient er sich als Telefonist bei einer Kirchenbehörde und als Nachhilfslehrer. In der restlichen Zeit stromert er herum, vertrinkt und verspielt sein Geld in Kneipen.

In der Ich-Form schildert ihn Böll mit einer von Ungekünsteltheit, Authentizität und Klarheit gekennzeichneten Sprache als einen verzweifelten Menschen, der es in der bürgerlichen Behaglichkeit, in der sich die meisten Menschen schon wieder eingerichtet haben, nicht aushalten kann. Vom offiziellen katholischen Glauben ist er aufgrund seiner Kriegserfahrungen und auch aufgrund des Verhaltens vieler Mitglieder dieser Kirche im Nachkriegs-Deutschland schon längst abgefallen.

Beispielhaft wird das im Roman zunächst am Ehepaar Franke. Sie engagieren sich in vielfältiger Weise in der katholischen Kirche, aber nicht in einer von Barmherzigkeit und Liebe gekennzeichneten Weise, sondern von oben herab in Form gnädig gewährter „milder Gaben“. Ihr Verhalten ist geprägt durch selbstgefällige Moral, durch das Wohlgefallen an ihrer Tugend und durch ihren von Verachtung geprägten Blick auf die weniger Tugendhaften.

Zu denen gehört Fred. Er hatte es den Frankes zu verdanken, dass er auf so beengtem Raum mit seiner fünfköpfigen Familie zusammenleben musste, dass es nicht mehr auszuhalten war. In deren Händen lag aufgrund ihres kirchlichen Engagements die Vergabe von Wohnraum; und da hatten Fred und seine immer noch gläubige, aber durch die Erfahrung des Krieges und des Verhaltens der Menschen im Nachkriegsdeutschland schon skeptischer und desillusionierter gewordene Frau Käte schlechte Aussichten.

Ebenfalls aus der Ich-Perspektive schildert Käte ihr Leben. Mit ihren Kindern fristet sie auf engstem Raum in einer von Kriegsschäden und dem dadurch verursachten Verfall geprägten Wohnung ein Leben voller Entbehrungen. Um mit ihrem Mann trotz vieler Schuldgefühle – sie hat die Kinder allein gelassen – eine Liebesnacht zu verbringen, trifft sie sich mit ihm in einem Hotel – eine schwierige Beziehung, denn er hat die Kinder aus Wut über die ärmlichen Lebensumstände geschlagen, flüchtet sich in Alkohol- und Spielsucht, alle Energie ist ihm durch seine schrecklichen Kriegserlebnisse geraubt worden. Trotzdem liebt Käte ihren Mann, mit dem sie auch noch ein weiteres Schicksal teilt – der Tod zweier Kinder durch den Krieg.

Am Morgen im Hotel hören Fred und Käte die Geräusche einer Kirmes – eine gute Gelegenheit, sich ein wenig abzulenken, doch es gelingt ihnen nicht, sie sprechen über ihre Probleme. Während Käte die Beobachtung schildert, die sie vom Verhalten – sie wirken aufgrund der Situation leise, angepasst und duldsam wie so viele andere – ihrer Kinder gemacht hat und die Sorge ausspricht, dass sie sie nicht so schützen könne, wie sie es gerne möchte, gibt er sich die Schuld für die Armut und die Wohnungssituation seiner Familie, gesteht seine Haltlosigkeit und seine Antihaltung gegenüber den Tüchtigen und Angepassten. Sie spricht von Trennung, weiß aber einerseits von der Unmöglichkeit des Zusammenlebens und andererseits von der Unerträglichkeit einer Trennung.

Und während sie so über vergangene Zeiten – vor allem die des Zweiten Weltkrieges – und deren bis in die Gegenwart reichenden Folgen sprechen und nachdenken, geht in Köln das gewohnte Leben weiter. Es ist Prozessionstag und die Stimme des Bischofs, dessen Rede sich anhört wie ein „theologisches Stichwortverzeichnis voller Phrasen“, drängt sich ungefragt ins Ohr. Die führenden Köpfe der Kirche gehen ihren gewohnten Gang weiter und verstecken sich hinter weihevoll klingenden Worten. Auch das bevorstehende Wirtschaftswunder kündigt sich an, dass die Wunden des Krieges für viele Menschen oberflächlich zu übertünchen vermag. In Köln ist eine Tagung der Drogisten, die zusätzlich mit dem Verteilen von Werbeartikeln und inhaltsleeren Slogans wie „Vertrau dich deinem Drogisten an“ an allen Ecken die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Der Gleichklang von traditionellen, überkommenen Kirchenzeremonien und künftigen wirtschaftlichen Erfolgsaussichten lässt die Schrecken der Vergangenheit scheinbar vergessen.

Wer wissen möchte, wie es im alltäglichen Leben der Menschen im Nachkriegsdeutschland ausgesehen hat, dem sei der Roman „Und sagte kein einziges Wort“ von Heinrich Böll ans Herz gelegt.

Billard um halb zehn“

Die Geheimnisse der Familie Fähmel

Es ist eine seltsame Arbeitsstelle, von der die Sekretärinn Leonore zu Beginn des zweiten Romanes „Billard um halb zehn“ berichtet, für den Heinrich Böll 1972 den Literaturnobelpreis miterhalten hat. Sie ist in einem Büro für statische Berechnungen beschäftigt, das von einem Dr. Robert Fähmel geführt wird. Es ist kaum etwas zu tun, die Erreichbarkeit für Besuch ist in höchstem Maße eingeschränkt – nur die Familie Fähmel und ein Herr Schrella, der ein Phantom zu sein scheint, weil er noch nie zu sehen war, dürfen es betreten -, der Kontakt zu den drei Mitarbeitern erfolgt ausschließlich in brieflicher Form und der Chef ist im Büro höchstens für eine Stunde zu erreichen. Was ihr noch auffällt: die ausdrückliche Höflichkeit, mit der ihr alle Mitglieder der Familie begegnen, und die eigentlich traumhafte Arbeitsatmosphäre. Die von ihr an den Chef gerichteten Wünsche und Bitten, zum Beispiel wegen eines Urlaubs oder anderer privater Angelegenheiten, werden komplett erfüllt.

Alles läuft seinen gewöhnlichen Gang, bis der Sekretärin ein Fehler unterläuft, dessen Dimension sie nicht zu ermessen weiß. Sie hat einem Fremden trotz ausdrücklicher Ansage, dies nicht zu tun, auf Anfrage geantwortet, an welchem Ort Dr. Robert Fähmel erreichbar ist. Dieser ist regelmäßig von halb zehn bis 11 Uhr im Hotel Prinz Heinrich zu Gast.

Erst allmählich kristallisiert sich heraus, welch tragische Geschichte die Familie Fähmel mit sich schleppt; und die ist eng mit der von Verfolgung, Mord und Krieg geprägten Herrschaft des Nationalsozialismus verbunden, die Deutschland in den Untergang trieb. Der Vater von Dr. Fähmel hat infolge des Krieges nicht nur den Tod zweier Kinder zu beklagen, seine Frau hat sich in den Wahnsinn geflüchtet, das „Phantom“ Schrella steht in Verbindung mit Widerstand und Exil und der Mann, der sich nach Dr. Fähmel erkundigt hat, war in die Verbrechen der Nazi-Diktatur verwickelt, hat aber nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg schnell die Seiten gewechselt und spielt wieder eine große Rolle im politischen Betrieb der Nachkriegszeit.

Während dieser Mann mit Namen Dr. Nettlinger sich auf den Weg zum Hotel Prinz Heinrich macht, befindet sich Dr. Fähmel im dortigen Billardzimmer im Gespräch mit dem Portier Hugo. Mehr und mehr lüftet sich dabei das Geheimnis, das die Familie Fähmel mit Schrella und Nettlinger verbindet. Ein Zeitsprung in das Jahr 1935: Robert Fähmel, Schrella und Nettlinger sind noch Schüler. Bei einem Schlagballspiel wird Außenseiter Schrella, der einer nicht näher beschriebenen Sekte angehört, von Nettlinger und seinen Nazi-Kameraden schikaniert – die Verfolgung der Gegner der Nazi-Herrschaft und selbst ernannter Feinde wie den Juden und anderen Minderheiten nimmt zwei Jahre nach der Machtergreifung nicht nur im Schulalltag ihren Lauf. Nach einem Anschlag auf ein Mitglied der NSDAP geraten Schrella und Fähmel ins Visier der Gestapo, doch beide können in die benachbarten Niederlande fliehen.

Ein weiterer Zeitsprung: Beim Aufräumen von alten Akten und privaten Papierenn berichtet der Vater von Dr. Robert Fähmel dessen Sektretärin Leonore aus seinem Leben. Es ist das Jahr 1907, als er sich nach Köln mit dem Ziel aufmacht, große Karriere als Architekt zu machen, eine Frau aus gutem Hause zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen. Das gelingt. Was den Umgang mit der politischen Situation angeht, verhält er sich wie die meisten seiner Zeitgenossen – opportunistisch. Trotz Gegnerschaft zum Ersten Weltkrieg hält er sich mit seiner Meinung der Karriere wegen zurück. Das gilt gleichfalls für die weiteren politischen Ereignisse wie die Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten. Seine Meinung versteckt er hinter Ironie und Scherzen, bis auch er persönlich betroffen ist. Seine Söhne Otto und Heinrich sterben im Krieg, Robert muss vor den Nazis fliehen und seine Frau verfällt aufgrund der politischen Ereignisse und dem Verlust zweier Kindes dem Wahnsinn.

Auch in den folgenden Kapiteln nimmt sich Autor Heinrich Böll der Sichtweisen weiterer Protagonisten seines Romans an, so dass sich ein schlüssiges Bild über das Schicksal der Famile Fähmel und der mit ihr auf unterschiedliche Weise verbundenen Personen ergibt. Wie in vielen seiner Romane und anderer Werke dreht sich die ganze Geschichte um die Nachwirkungen der grauenhaften Herrschaft des Nationalsozialismus, die die Menschen noch lange nach dem Ende des Krieges tief ins Innerste trifft. Und um die Erkenntnis, dass Schweigen es nicht vermag, vor dem realen Geschehen von Verfolgung, Tod und vielem mehr fliehen zu können. Und natürlich um den Opportunismus vieler Personen, die ihre Verwicklung in die Verbrechen leugnen und in der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland Karriere machen und ihrer mehr als verdienten Strafe entgehen.

Dank einer klaren, schnörkellosen Sprache wie schon bei „Und sagte kein einziges Wort“ und einer spannend aufgebauten Handlung vermag es Heinrich Böll, den Leser in eine Zeit zu versetzen, die er aus eigener Anschauung kaum noch kennen kann. Diese Lektüre lohnt sich ohne Wenn und Aber.

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