Buchtipp: Ludwig Tieck – Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli

Wie auf wundersame Weise aus einem Schneiderlehrling ein reicher Herrscher wird

„Ich fühlte bald, daß ich zu größern Dingen bestimmt sein müßte; denn ich merkte keinen sonderlichen Trieb zur Arbeit in mir. Ich wünschte mir immer, zaubern zu können oder ein König zu werden…“ – schon gleich zu Anfang der spannenden, unterhaltsamen und mit großem Humor geschriebenen Erzählung „Merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät Abraham Tonelli“ von Ludwig Tieck (*1773 +1853), einem der führenden Autoren der Romantik, macht der Protagonist mit Taufnamen Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli klar, wie sein künftiges Leben verlaufen soll. Doch seine Lebensverhältnisse geben das eigentlich nicht her.

Aus niedriger Herkunft stammend, gelingt es ihm gerade noch, eine Schneiderlehre in Wien zu beginnen – ohne allerdings daran viel Freude zu gewinnen. Bei seiner Vorstellung, ein großer und wohl vornehmer Mann zu werden, ohne irgendwelche Voraussetzungen dafür zu besitzen, auch kaum verwunderlich.

Basierend auf einer bekannten literarischen Vorlage entwickelt Tieck mit seinem Protagonisten die schon aus dem Barock bekannte Figur des Schelmen, der sich mit Lug und Trug durch das Leben kämpft. Ähnlichkeiten zum „Simplicissimus“ von Grimmelshausen sind deutlich zu erkennnen.

Entgegen der von den meisten der anderen Schriftstellern der Romantik verwendeten Stilelemente und Erzähl-Motive wie der Innigkeit eines Naturgefühls, dem Glauben an Liebe und Freundschaft sowie der Leidenschaft für Malerei und Musik setzt Tieck bei dieser Erzählung auf populäre Drastik, groben Humor, Phantasie und Laune, wie sie eben passt. Seine Figur Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli ist ein maßstablos naiver junger Mann, töricht wie ein Kind, das nur seinem direkten Nutzen verpflichtet ist, keiner Selbstkritik zugänglich ist, nichts dazulernt und nie über elementare Bedürfnisse wie ein fürstliches Mahl und viel Alkohol hinausdenkt. Aber mit der Vitalität eines Hanswurstes, der alle Last des Lebens im nu an sich abprallen lässt, folgt er seinem eigentlich unerreichbaren Ziel, ein von allen anerkannter Bürger (oder noch Höheres) zu werden, der wohlgenährt und materiell gesichert seinem Lebensabend entgegensieht.

Wie der Germanist und Autor Ernst Ribbat in einem Nachwort zur Erzählung schreibt, ist Abraham Anton alias Sr. Majestät Abraham Tonelli womöglich ein Paradebeispiel für ein Gegenstück zum Fortschrittspathos der bürgerlichen Aufklärung. Statt eines nach Erkenntnis strebenden Menschen entwirft Tieck eine von Trieben gesteuerte Figur, die sich trotz unzureichender Erkenntnis- und Sprachfähigkeit durch das Leben wurstelt, mal mit weniger, mal mit mehr und dann richtig großem Glück, wie im Titel der Erzählung schon angedeutet. Schließlich ist aus dem Schneiderlehrling die „Majestät Abraham Tonelli“ geworden.

Wie aber konnte es dazu kommen? Hexenkünste, Geister und unterirdische Schätze, wie sie die damalige Literatur in immer neuen Variationen und Erscheinungsformen hervorbrachte, spielen dabei eine wichtige Rolle; ansonsten wäre eine solche Karriere, wie die des Helden, zu damaliger Zeit kaum möglich gewesen.

Von seinem Meister nicht ganz zu Unrecht als „Lumpenhund“ bezeichnet und von den übrigen Handwerksburschen wegen seiner goßspurigen Art gescholten und auch verprügelt, macht sich Abraham Anton auf die Wanderschaft. Mit der Vorstellung im Kopf, dass es ihm eigentlich leicht fallen müsse, „binnen kurzem ein großer und vornehmer Mann zu werden.“

Die Realität ist eine andere: Proviant und Reisegeld gehen aus, wilde Tiere und Mörder trachten ihm nach dem Leben, doch Autor Ludwig Tieck gibt seinem Helden immer wieder eine Chance. Mithilfe von schon angesprochenen Hexenkünsten und Geistern gelangt der zu Wunderkräften und ungeahnten Schätzen, die er aber aus Großmannssucht, Völlerei und anderen Charakterschwächen immer wieder aus den Händen gibt. Die gemachten Erfahrungen lehren ihn nichts. Wie es ihm dann doch gelingt, Kaiser zu werden und ein mehr als auskömmliches Leben zu führen, wird an dieser Stelle nicht verraten, denn dieser Text soll nur ein wenig zur Lektüre dieser wunderbaren, unterhaltsamen und äußerst humorigen Erzählung ermuntern. Glauben Sie mir!

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