Buchtipp: Johann Peter Hebel – Kalendergeschichten

Das erste Mal, dass ich den Namen Johann Peter Hebel vernahm, war in Verbindung mit einer etwas altertümlich klingenden, aber gleichzeitig wundersamen und sehr unterhaltsamen Kurzgeschichte aus einem Schullesebuch. Darin berichtet der Autor von einem deutschen Handwerksburschen, den es nach Amsterdam verschlagen hatte. Neugierig erkundet der die Stadt und stößt zunächst auf ein prächtiges und schönes Haus, das wohl einem reichen Bürger gehören muss. Auf die Frage an einen Passanten, wem denn dieses prächtige und schöne Haus gehöre, bekommt er nur die knappe Antwort „Kannitverstan“.

Als er weitergeht, sieht er, wie im Hafen ein großes Schiff mit erlesensten Waren aus aller Welt entladen wird. Wieder fragt er, wem denn dieses Schiff und die auf ihm transportierten Waren gehörten, und wieder erhält er die Antwort „Kannitverstan“, woraufhin er in betrübliche Gedanken versinkt. Wie könne es denn sein, dass diesem Herrn Kannitverstan alles zu gehören scheine, während er doch als Handwerksbursche eher ein armer Hund sei, denkt er, bis er auf einmal auf einen langen Trauerzug stößt. Immer noch neugierig, fragt er, wer denn da zu Grabe getragen werde; und wieder schallt es ihm nur knapp entgegen: „Kannitverstan“. Da wurde „ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan“, rief er aus, „was hast du nun von allem deinen Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute“, schreibt Hebel über den Wandel des Gemütszustandes seines Protagonisten. Und seine Kurzgeschichte mit dem passenden Namen „Kannitverstan“ endet mit den Worten „… und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen sollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.“

Kurzum: Aufgrund mangelnder Sprachkenntnis von beiden Seiten, die diese aber nicht erkennen, kommt der Handwerksbursche „durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis“, wie Hebel einleitend zu seiner lehrreichen Kurzgeschichte erläutert. Die Erkenntnis: Trotz der unterschiedlichen materiellen Verhältnisse der Menschen in ihrer Lebenszeit ereilt sie unweigerlich mit dem Tode das gleiche Schicksal. Das mag Manchen zu brav oder bieder erscheinen, doch was ist hilfreicher: Das ewige Klagen über die Ungleichheit unter den Menschen oder der Trost, dass das letzte Hemd keine Taschen hat?

Was aber hat es so weiter auf sich mit den beim Insel Verlag erschienenen Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel? Dazu erst einmal ein paar biografische Daten zum Autor: Johann Peter Hebel wurde 1760 in Basel in der Schweiz geboren. Trotz bescheidener familiärer Verhältnisse – seine Mutter arbeitete nach dem frühen Tod ihres Mannes als Bedienstete bei einer Schweizer Patrizierfamilie und trug mit dieser Arbeit allein zum Familieneinkommen bei – schaffte Hebel den Sprung aufs Karlsruher Gymnasium. Danach folgte ein Studium der Theologie, das er mit einem Predigtamtsexamen abschloss. Nach Tätigkeiten als Hauslehrer und Vikar ging es mit seiner beruflichen Karriere steil voran. 1791 wird er Lehrer am Karlsruher Gymnasium, 1798 Professor der Dogmatik und hebräischen Sprache, 1804 Direktor seiner ehemaligen Schule und ab 1819 evangelischer Prälat und Landtagsabgeordneter.

In den 1780-er Jahren beginnt er mit dem Schreiben. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die „Alemannischen Gedichte“, „Der Rheinländische Hausfreund“ und das „Schatkästlein des rheinischen Hausfreundes“. Vor allem in den beiden letzt genannten Veröffentlichungen sind seine vor allem älteren Lesern bekannten Kalendergeschichten enthalten, Kurzgeschichten mit einer besonderen Erkenntnis oder Moral, die häufig biederer daherkommen, als sie es in Wirklichkeit sind. So schreibt der bekannte Philosoph Ernst Bloch (*1885 +1977), mit seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ einer der Geistesheroen der 68-er Bewegung und enger Freund Rudi Dutschkes, einem der führenden Köpfe der 68-er Bewegung, äußerst lobend über Hebel: „Seine Kalendergeschichten sind geschrieben von einem Anwalt der Armen und Verleumdeten, einem Freund der Französischen Revolution und der Aufklärung.“

Auch andere prominente Autoren wie der Erziehungswissenschaftler und Publizist Hartmut von Hentig loben den Autor und sein Werk. So schrieb er in dem Buch „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ von der Lust des Verstehens, der Kurzweil und Intelligenz der Moral sowie dem Handwerk der Menschlichkeit, die Hebel einem nahegebracht habe. In einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung betont Thomas Steinfeld das Ineinander von Bürgerlichkeit und literarischer Intelligenz, die viele von Hebel erzählten Geschichten auszeichne: „Die meisten Geschichten sind von kalkulierter Schlichtheit (aber nicht alle sind schlicht). Und sie sind, obgleich tief in der Religion verwurzelt und von vertrauten Gestalten belebt, alles andere als erbaulich. Ein Aufklärer ist in diesen Geschichten am Werk, doch einer von der bodenständigen, konservativen Sorte.“

Beispielhaft dafür – insbesondere Hebels liebevoller Augenmerk auf die armen, oft am Rande der Gesellschaft stehenden Menschen – steht die anrührende Geschichte mit dem Titel „Unverhofftes Wiedersehen“, die ebenfalls in Schullesebüchern der 1970-er Jahre zu finden war. Hebel erzählt von der tragischen Liebesgeschichte eines Bergmanes und seiner Braut, die sich im schwedischen Ort Falun zugetragen haben soll. Bevor sich das Glück für beide entfalten kann, „da meldete sich der Tod“. Von seinem Weg zum Bergwerk kehrt der Bergmann nicht zurück. Die angehende Braut versinkt in Trauer. 50 Jahre gehen ins Land – ein Zeitraum, der von Hebel anhand von zentralen geschichtlichen Ereignissen zwischen den Jahren 1755 (Erdbeben in Lissabon) und 1807 (Bombardement Kopenhagens durch die Engländer) knapp und plastisch auf den Punkt gebracht wird und die kleine mit der großen Welt verbindet – , bis Bergleute bei Grabungsarbeiten zufällig die Leiche eines von Eisenvitriol durchtränkten Jünglings finden, der aufgrund der konservierenden Wirkung des Vitriols so aussah, „als wenn er erst vor einer Stunde gestorben oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit.“

Das bekommt die ehemalige Verlobte, inzwischen grau und zusammengeschrumpft, mit. Als sie sagt, dass es ihr Verlobter ist, „wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte.“ Am Tag der Beerdigung begleitet sie ihren verstorbenen Verlobten im „Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre.“ Die Geschichte endet mit ihren an den Geliebten gerichteten, zu Herz rührenden, aber auch tröstlichen Worten: „Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitsbett, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wirds wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten.“

Solche Geschichten, traurige, lustige, merkwürdige oder höchst fabulöse, erläutert Bloch in seinem Nachwort, wurden zu einer Zeit erzählt, als noch viel Land war und es an stillen Abenden galt, in geselliger Runde die Langeweile mit dem Erzählen zu vertreiben. Etwas, was heute durch die Informationsflut aus allen möglichen Kanälen nicht mehr passiert.

Auch die zahlreichen anderen Geschichten Hebels, in denen nicht selten von Situationen berichtet wird, die noch heute Manchem im Alltag passieren können, lohnen die Lektüre. Insbesondere sei dabei auch auf die Episoden hingewiesen, die sich bei Hebel oft in Wirtshäusern abspielen, einem Ort der Ausgelassenheit, die hin und wieder überzuschäumen droht.

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