Mit „Mauern und Lügen“ setzt der Autor Ralf Langroth in diesem Jahr eine 2021 begonnene Reihe mit spannenden, unterhaltsamen und geschichtsträchtigen Thrillern fort, die von den politischen Geschehnissen in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland inspiriert sind.
Hauptfigur ist der BKA-Kommissar Philipp Gerber. Er musste wegen seiner Gegnerschaft zum Nazi-Regime 1939 mit seiner Familie Deutschland verlassen und emigrierte Richtung USA. Dort arbeitete Gerber für den US-amerikanischen Geheimdienst CIC, der im Bereich Spionageabwehr tätig war. Als Soldat in Diensten der USA kehrte er 1945 nach Deutschland zurück.
In seiner Funktion beim Bundeskriminalamt ist er immer wieder in brisante Fälle verwickelt, bei denen die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges eine große Rolle spielen. Es geht dabei um die Konflikte zwischen den ehemaligen Verbündeten USA und der Sowjetunion, die zu konkurrierenden Großmächten geworden sind, politische Skandale wie den Fall John (Anm.: erster Präsident des Bundesverfassungsschutzes), Affären wie der Tod der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt und die Trennung Deutschlands in eine von den Alliierten besetzte Zone und eine von der Sowjetunion beherrschte Zone, aus der 1949 die DDR wird.
Letzteres bestimmt die Handlung von „Mauern und Lügen.“ Doch bevor sich das herauskristallisiert, passieren einige merkwürdige Dinge. Auf den eigentlich im Ruhestand befindlichen General Hiram Anderson, dem ehemaligen Chef Philipp Gerbers beim US-Militärgeheimdienst, wird bei seiner Ankunft in Deutschland ohne zunächst ersichtlichen Grund ein Attentat verübt, Gerber selbst wird in seinem Hotelzimmer überfallen – ebenfalls ohne zunächst ersichtlichen Grund – und entgeht nur knapp einem tödlichen Angriff; und seine Freundin, die Journalistin Eva Herden, wird von einer Vertreterin des DDR-Staates um eine positive Berichterstattung über die im Dienst des Sozialismus tätigen Baubrigaden gebeten, was ihr äußerst merkwürdig vorkommt. Damit nicht genug erhält Philipp Gerber von amerikanischer Seite die Information, dass der von dem schillernden und geheimnisumrankten Reinhard Gehlen geleitete Bundesnachrichtendienst an höchster Stelle von einem Spion in Diensten der Sowjetunion unterwandert worden ist.
Diese Geschehnisse sind auf den August 1961 datiert, ein Jahr, in dem der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, bei einer Pressekonferenz am 15. Juni, zwei Monate vor den dramatischen Ereignissen im Roman, den noch heute legendären und berüchtigten Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ fallen lässt. Dass das eine Lüge war, sollte sich bald herausstellen.
Wind von den Plänen für den Bau einer Mauer zwischen Ost- und West-Berlin bekommt die Journalistin Eva Herden bei ihren Recherchen über die Baubrigaden in Ost-Berlin; und sie steht vor der Frage, wie sie mit dieser äußerst brisanten Information umgehen soll, denn die Stasi, der Geheimdienst der DDR hat sie im Blick.
Auch ihr Freund Philipp Gerber steht vor einem Dilemma. Auf Veranlassung seines Chefs vom Bundeskriminalamt soll er sich in Kontakt mit dem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes setzen, der unter Spionageverdacht steht – ohne dass sein Chef davon weiß. Es geht um eine von höchster politischer Ebene gewünschte Zusammenarbeit zwischen dem BKA und dem BND. Damit nicht genug, wird er von dem Chef des Bundesnachrichtendienstes auch noch in einen anderen Fall von Spionage involviert. Und an seiner Seite steht – wissentlich oder unwissentlich – der unter Spionageverdacht stehende Mitarbeiter. Wer auf welcher Seite steht, wird immer unklarer.
Mehr wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.
Nur Folgendes muss noch erwähnt werden: Wie gewohnt besticht der neue Roman von Ralf Langroth durch akribische zeitgeschichtliche Recherche bis ins letzte Detail. Der Leser wird unmittelbar in die Bundesrepublik der 1950-er und 1960-er Jahre versetzt. Und wie bei den Vorgängern der Reihe um Philipp Gerber und Eva Herden bekommt er eine packende Story geboten, die ihre Spannung bis zum Schluß hält – kurzum eine absolute Leseempfehlung.
