In der letzten Folge der Reihe Kunstbetrachtungen war von einer ästhetischen Erfahrung die Rede, die mit der Betrachtung eines Gegenstandes, der als Kunstwerk gilt, einhergehen soll.
„Wer fragt, was Kunst ist, sollte klären, ob sich ein Zusammenhang zwischen den Eigenschaften von Kunstwerken und den Eigenschaften der Erfahrungen mit Kunstwerken denken lässt. Der Blick auf Kunstwerke sollte nicht von dem Blick auf ästhetische Erfahrungen isoliert werden und umgekehrt“, schreibt Bertram im Kapitel „Erste Weichenstellung: Wann ist Kunst?“ Und macht dabei klar, dass die Frage nach der Kunst und ihrem Kern anders gestellt werden muss. Er bezieht sich dabei auf den amerikanischen Philosophen Nelson Goodman, der sich ebenfalls gegen die Trennung von Kunstwerken und Kunsterfahrung ausspricht.
Kunst als Prozess
Die Frage lautet demnach: „Wann ist Kunst, nicht was ist Kunst?“ Es geht also bei der Kunst und ihrem Erleben nicht um etwas Statisches, sondern um einen Prozess.
Die radikale These von Goodman lautet: „Ein Kunstwerk ist demnach nicht als solches ein Kunstwerk, sondern erst dadurch, dass es zu einem Bestandteil einer bestimmten Praxis wird“, einer ästhetischen Praxis, bei der es zum Umgang mit einem Kunstwerk kommt, der ästhetische Erfahrungen auslöst. Bezogen auf die schon erwähnte Reaktion der Zuhörer einer Aufführung eines bestimmten Alban Berg- oder eines bestimmten Stravinski-Werkes („Altenberg-Lieder“ op.4 oder „Le sacre du printemps“) lässt sich sagen, „dass entweder dem Kunstwerk oder der durch es ausgelösten Erfahrung bestimmte Eigenschaften fehlen“.
„Publikum beim Hören des dargebotenen Werkes nicht zu einer ästhetischen Praxis gekommen …“
Das Resultat: Beim Konzertbesuch sei es für das Publikum beim Hören der dargebotenen Werke von Berg und Stravinski nicht zu einer ästhetischen Praxis gekommen, wie Bertram ausführt. Oder einfacher gesagt: Die Musik wurde nicht verstanden und die Zuhörer hatten keinen Hörgenuss. Zumindest war das bei den beiden Premieren im Jahre 1913 der Fall.
Bertram spricht in diesem Zusammenhang von historischen Entwicklungen, die dazu führen können, dass sich der Blick auf vermeintliche oder tatsächliche Kunstwerke über die Jahrhunderte gewandelt hat.
Was aber hat dazu geführt, dass sich der Blick verändert hat, Gegenstände beispielsweise zur Kunst erklärt wurden, die vorher keine waren, oder umgekehrt? Hier kommen die Institutionen ins Spiel, die sich mit der Kunst beschäftigen.
Autor Bertram bezieht sich dabei auf den amerikanischen Kunstphilosophen George Dickie, der eine Institutionentheorie der Kunst vertreten hat, die verkürzt so lautet: Ein Kunstwerk ist das, was von den Institutionen der Kunst wie Museen, Ausstellungsmachern, der Kunstkritik oder der Kunst- und Kulturförderung als Kunstwerk angesehen wird.
Dass diese Antwort nicht genügen kann, ist für Bertram kaum zu bezweifeln, denn dann steht die Frage im Raum, wer oder was überhaupt eine Kunstinstitution mit voller Berechtigung sein kann.