Anna Politkowskaja-Preisträgerin Katerina Gordeeva hat mit „Nimm meinen Schmerz“ ein beeindruckendes, äußerst berührendes und angesichts der geschilderten Schicksale der Opfer ein zugleich schwer erträgliches Werk über den Ukraine-Krieg geschrieben.
„Eines Tages werden die Bücher von Katja Gordeeva für das Geschichtsstudium verwendet werden. Aber nicht die Geschichte des Krieges, sondern die Geschichte des Menschen im Krieg. Seit den ersten Kriegstagen dokumentiert sie Tag für Tag, wie wir mit der menschenverachtenden Erfahrung des Geschehens umgehen. Keiner war darauf vorbereitet“, schreibt Swetlana Alexijewitsch, Nobelpreisträgerin für Literatur.
Großes Lob von einer Nobelpreisträgerin für Literatur
Dieses Lob macht deutlich, welchen Rang die aus Russland stammende Autorin einnimmt. Katerina Gordeeva, geboren 1977, wurde von der Romir Research Holding zu einer der zehn einflussreichsten unabhängigen Journalistinnnen Russlands ernannt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2022 mit dem Internationalen Anna Politkowskaja-Journalistenpreis, benannt nach der am 7. Oktober 2006 in Moskau ermordeten Journalistin, die eine der führenden Kritikerinnen des Putin-Regimes war.
Bis 2012 arbeitete Katerina Gordeeva als TV-Reporterin und als Kriegsberichterstatterinen, 2014 verließ sie ihre Heimatstadt Moskau aus Protest gegen die Annexion der zur Ukraine gehörenden Krim. Verfolgung, Gefängnis oder Tod waren zu befürchten. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie im Exil in Lettland. 2020 gründete sie ihren eigenen YouTube-Kanal und erreicht damit ein Millionen-Publikum.
Gleich im Vorwort zu ihrem im Verlag Droemer erschienen Buch „Nimm meinen Schmerz“ setzt sich die Autorin mit Gedanken auseinander, die äußerst schmerzhaft für sie sind.
„Die Hälfte unserer Familie lebt in der Ukraine, in Kyiw: mein Cousin und meine Cousine, ihre Familien und Kinder …“
Sie muss das Land verlassen, das trotz des mörderischen Putin-Regimes und des Krieges gegen die Ukraine ihre Heimat bleiben wird, sie muss ihre Kindern erzählen, dass ihr Heimatland einen äußerst brutalen Krieg begonnen hat, und dass der Staat, deren Bürgerin sie ist, Menschen angegriffen hat, die sie liebt. Wie viele andere Russen hat sie familiäre Beziehungen zur Ukraine. „Die Hälfte unserer Familie lebt in der Ukraine, in Kyiw: mein Cousin und meine Cousine, ihre Familien und Kinder, mein Onkel, der 1939 geboren ist“, schreibt Katerina Gordeeva über ihre spezielle Situation.
Bevor sie das Buch geschrieben hat, entstand zunächst ein Film, indem sie mit vom Krieg betroffenen Menschen gesprochen hatte. Er erschien auf ihren YouTube-Kanal. Katerina Gordeeva stellte dann aber fest, dass die Begegnungen und Erlebnisse, die mit dem Film verbunden waren, sie nicht mehr losließen.
Frau verliert ganze Familie im Krieg
„Doch der Film erschien, und die Figuren – sowohl die im Film als auch die, die nicht in der endgültigen Fassung vorkamen – ließen mich nicht los. Ich träumte von ihnen. Hörte ihre Stimmen in meinem Kopf. Mir wurde klar, dass ich es aufschreiben muss, dass es anders nicht geht.“
Dass die von Katerina Gordeeva gemachten Erfahrungen mit vom Krieg betroffenen Menschen so schmerzlich waren, belegt unter anderem der Fall von Tanja, die in der schwer umkämpften Stadt Mariuopol lebte. Kaum zu ertragen ist das Schicksal dieser auch noch von Kinderlähmung betroffenen Frau und Mutter zweier Kinder. Ihr Haus wird niedergebrannt mitsamt bettlägerigen Verwandten, ihr Sohn stirbt im Kugelhagel, ihre Tochter beim Brand des Hauses. Damit nicht genug sterben auch noch ihr Mann und ihre Mutter.
Glück im eigentlich unbeschreiblichen Unglück: Durch das Engagement eines ehrenamtlich engagierten Helfers konnte Tanja nach Deutschland fliehen. Doch die Gedanken an das erlebte Schicksal werden ewig bleiben. Tanja sagt im Gespräch mit der Autorin: „Ich weiß nicht, warum ich lebe, wozu ich überlebt habe und wie ich weiterleben soll.“
Diese Gedanken teilt sie mit vielen anderen vom Krieg Betroffenen, deren tragisches Schicksal in Gordeevs Buch eindrucksvoll und schmerzlich berührend geschildert wird.