Nicht nur in der Malerei hat es revolutionäre Entwicklungen gegeben, die das Publikum überfordert haben. Gleiches gilt auch für die Musik.
Im Kapitel 1 „Es gibt Kunstwerke … gibt es sie wirklich?“ seines Buches zum Thema Kunst geht Autor Georg W. Bertram auf zwei musikalische Ereignisse im Jahre 1913 ein, die wie die Impressionismus-Ausstellung von 1878 (siehe Teil 1 der Kunstbetrachtungen) die Frage aufwarfen, ob das überhaupt Kunst sei.
Tumulte und Buhrufe
In Wien wurde das Stück „Altenberg-Lieder op. 4“ von Alban Berg, einem Schüler von Arnold Schönberg, aufgeführt. Beide sind der Zwölftonmusik zuzuordnen, die mit vorher geltenden Kompositionsregeln gebrochen hatte und für den nicht Eingeweihten zum Teil gewöhnungsbedürftig, zum Teil unzumutbar klang. Zwölf Halbtöne der Tonleiter, die an einer Stelle auf einmal erklangen, waren keine leichte Kost. Die Reaktion des Publikums: Tumulte, die einen Abbruch der Darbietung erzwangen.
In Paris wurde das Ballettstück „Le sacre du pritemps“ des russischen Komponisten Igor Stravinski auf die Bühne gebracht, das sich durch äußerst dominante Rhythmik, Melodienarmut und neue Akkorde auszeichnete. Die Reaktion des Publikums auf die wie bei Alban Berg ungewöhnlichen Töne: Buhrufe.
Kurzum: Die Übereinkunft zwischen Komponist und Hörer, was als klassische Musik oder überhaupt als Musik zu verstehen sei, galt nicht mehr. Der Philosoph Theodor W. Adorno brachte es auf den Punkt: „Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, noch selbstverständlich ist.“
„Was macht ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk, und was ist Kunst überhaupt?“
Vor diesem Hintergrund und angesichts des Bemühens, dem Kunstbegriff etwas näher zu kommen, stellen sich die von Bertram gestellten Fragen noch einmal mehr: Was macht ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk, und was ist Kunst überhaupt?
Dazu bedarf es nach Bertram bestimmter Eigenschaften oder Merkmale, die ein musikalisches, malerisches oder skulpturales Werk besitzen muss, damit es als Kunst bezeichnet werden kann. Kurz gesagt geht es um den Unterschied von „echter Kunst“ und „bloßen“ Unterhaltungs- oder Gebrauchsprodukten.
Eine Zeit lang schien es vor allem in der Musik leicht zu sein, beides voneinander zu trennen. Klassik galt als E-Musik, der Rest als U-Musik. Aus damaligem Verständnis war Klassik als ernste, also E-Musik, in gutbürgerlichen Kulturkreisen als Kunst anerkannt, während auf sogenannte U-Musik wie zum Beispiel Schlager oder Jazz, herablassend heruntergeschaut wurde. Ihr wurde die Eigenschaft, Kunst zu sein, abgesprochen.
Frage nach Eigenschaften
Wie Bertram schreibt, wird Kunst aber bestimmt durch die Eigenschaften, die einem Kunstwerk zugeschrieben wird. Und was braucht es dazu? Zunächst viel Wissen über die Geschichte der Künste wie der Malerei, der Musik oder der Literatur. Das hilft bei der Einordnung dieser Gattungen in Epochen wie dem Barock, der Klassik oder dem Realismus. Eine erste Orientierung, was ein Kunstwerk ist oder sein soll, bietet laut Bertram ein schon länger existierender Kanon, oder anders ausgedrückt eine Richtschnur, auf den oder die sich die im Kulturbereich tätigen Menschen geeinigt haben. In entsprechenden Fachpublikationen sind Bilder, Skulpturen, Bücher oder Kompositionen zu fiden, denen der Begriff Kunst zugesprochen wird. Dazu gehören unter anderem die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci, Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ oder Miguel de Cervantes „Don Quichote“, der zur Weltlieratur gerechnet wird.