Auf einen wesentlichen Faktor bei der Betrachtung des Themas Kunst weist der Professor der Philosophie, Georg W. Betram, hin: Den Betrachter, auch Rezipient genannt.
Eine Lektüre-Empfehlung zum Thema Kunst ist das beim Verlag Reclam erschienene Buch „Kunst – Eine philosophische Einführung“ von Georg W. Bertram, Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.
Offenheit der Sinne, Sich-Zeit-Lassen …
Gleich zu Beginn seiner Ausführungen bringt er einen wichtigen Punkt in die Diskussion um das Thema Kunst ein: Arbeit. Im Zusammenhang mit der Kunst kann sie philosophisch als Prozess der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen angesehen werden. Die geleistete Arbeit ist laut Bertram mit einer gewissen Anstrengung verbunde. Während der Künstler aus unterschiedlichen Motiven Materialien und mit einer Idee vor Augen ein Werk formt, geht es bei dem Betrachter um Aufmerksamkeit, Verständnis, Offenheit der Sinne, Sich-Zeit-Lassen und manchem mehr. „Die Arbeit, die Kunst für diejenigen darstellt, die mit ihr Erfahrungen machen, ist geistiger Natur. Kunst muss in irgendeiner Art verstanden werden“, erklärt der Autor.
Und was bedeutet das? Es geht zunächst um die Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen und Strukturen zu erfassen, nicht gleich um ein allumfassendes Verständnis. Bertram sieht Verstehen als einen Prozess an, der sich nicht sofort in Worten ausdrücken lässt. Als Beispiel nennt Bertram das schwarze Kreuz von Kasimir Malewitsch, einem der führenden Vertreter der abstrakten Kunst in den 1920-er Jahren.
„Zunächst geht es um die Intensität der sinnlichen Erfahrung, die mit dem … Werk gemacht wird.“
Zunächst geht es um die Intensität der sinnlichen Erfahrung, die mit dem genannten Werk gemacht wird. „Ich muss aber meine Erfahrung als eine erleben, die genau diesen Inhalt – die Erfahrung einer sinnlichen Intensität schwarzer Farbe – hat. In der Erfahrung steckt unter anderem eine Beherrschung des Unterschieds von Schwarz und Grau“, schreibt Bertram. Klingt banal, ist es aber nicht, wenn darüber nachgedacht wird, wie das menschliche Hirn zu unterscheiden lernt.
Wie Bertram weiter ausführt, sind „Kunstwerke nicht nur Gegenstände der Wahrnehmung und der sinnlichen Auseinandersetzung, sondern auch und in erster Linie des Verstehens“. In diesem Zusammenhang kommt natürlich auch die Philosophie ins Spiel, die sich schon immer mit dem Prozess des Verstehens beschäftigt hat und daher auch die Kunst in den Blick genommen hat.
Bertram betont, dass die Philosophie Hilfsmittel und Einsichten für die geistige Auseinandersetzung mit der Kunst entwickelt habe.
Verstehen von Kunst keine leichte Sache
Dass es aber mit dem Verstehen von Kunst keine leichte Sache ist und dass Kunst auf Missvertändniss gestoßen ist und immer noch stößt, ist auch dem Autor von „Kunst – Eine philosophische Auseinandersetzung“ bewusst. Er verweist in diesem Zusammenhang auf zwei Ereignisse aus dem Jahre 1913, die einen Kunst-Skandal sondergleichen auslösten.