Es war im Jahr 1987, als eine Serie im Magazin „Stern“ für Furore sorgte. Unter dem Titel „Mein Vater, der Nazimörder“ setzte sich Niklas Frank mit seinem Vater Hans Frank auseinander, der im Zweiten Weltkrieg als Generalgouverneur in Polen agierte und dort für Elend und Tod von Millionen von Menschen verantwortlich war. Im Gegensatz zu anderen Verwandten von führenden Vertretern des Naziregimes, die begangene Verbrechen leugneten und weiterhin der Nazi-Ideologie treu blieben, setzte sich Niklas Frank schonungslos mit der Schuld seines Vaters auseinander,
Das taten auch andere wie der nicht ganz unumstrittene Rainer Höß, Enkel des Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höss, Katrin Himmler, Nachfahrin des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, und Monika Göth, Tochter von Amon Göth, verantwortlich für die Liquidierung des Krakauer Ghettos und Kommandant des Konzentrationslagers Plaszów.
Jetzt reiht sich auch Bettina Göring ein, Nichte von Hermann Göring, preußischer Ministerpräsident, Chef der Luftwaffe, Beauftragter für den Vierjahresplan, Reichsmarschall und Träger noch vieler Ämter mehr, somit ein führendes Mitglied des Naziregimes und einer der größten Kriegsverbrecher. Seit Kurzem liegt ihr Buch „Der gute Onkel – Mein verdammtes deutsches Erbe“ vor, erschienen im Droemer Verlag.
Es ist schon ein paar Jahre her, dass sich Bettina Göring etwas intensiver mit ihrer tragischen Familiengeschichte beschäftigt hat. Auf Anfrage zweier Regisseure erklärte sie sich bereit, in den Filmen „Bloodlines“ und „Hitlers children“ Auskunft über ihre Ahnen zu geben, die in unterschiedlichster Form in das Geschehen der Nazizeit involviert waren; doch das Ergebnis und die Medienresonanz stellten sie nicht zufrieden. Da auch andere Nachfahren von Nazigrößen zu Worte kamen, hatte sie den Eindruck, dass die Filme nicht ausreichend Zeit geboten hatten, ihren Umgang mit dem Thema in der notwendigen Ausführlichkeit zu dokumentieren. Und die Resonanz in den Medien, die sich vor allem auf ihre Äußerung stürzten, eine Sterilisation vorgenommen zu haben, um der Verbreitung schlechter Gene entgegenzuwirken, stellte sie nachvollziehbar nicht zufrieden. „So liest man über mich. Schublade auf. Rein mit ihr. Stempel drauf. Schwarz. Weiß“, schreibt Bettina Göring im Prolog zu ihrem Buch.
Diese Enttäuschung, dazu der Wille, ein differenziertes Bild ihrer Familie zu liefern, Verantwortung gegenüber der Geschichte zu übernehmen, und die Anfrage eines Verwandten, der sich bereits intensiver mit der Familiengeschichte der Görings beschäftigt und sie nach Material dazu befragt hatte, gaben schließlich den Anlass zur Veröffentlichung des Buches. Auch Gespräche mit Familienmitgliedern flossen in das Buch ein.
Entstanden ist dabei in Kooperation mit der österreichischen Journalistin und Autorin Melissa Müller keine chronologische Schilderung der Ereignisse, sondern eher ein Suchen nach zentralen Wegmarken und historischen Ereignissen, die die Familie Göring zu der machten, die sie war und ist, mit all dem Schrecken, der sich vor allem mit der Figur Hermann Göring verbindet, der führend an den raubmörderischen Taten der Nationalsozialisten beteiligt war: der „gute Onkel“, wie er von den Familienmitgliedern gesehen wurde, die direkt oder indirekt von seinen Verbrechen profitierten.
Folgendes Zitat gleich zu Anfang des Buches bringt diese schon in Teilen auf den Punkt: „Seit dem Frühsommer (1943) gilt Berlin offiziell als „judenfrei“ … Als Ministerpräsident von Preußen tat Göring nichts zur Verhinderung der Massendeportationen aus Berlin. Zu dieser Zeit war Göring allerdings schon so verkommen und Ausschweifungen verfallen, dass er kaum noch aktiv in irgendetwas eingriff, aber es gibt keinerlei Beweise dafür, dass er jemals grundsätzlich gegen die Endlösung auftrat, und seine einzige Verteidigung in Nürnberg war die dumme Ausrede, er habe nichts davon gewusst.“ Es stammt aus dem 1956 erschienenen Buch „Die Endlösung – Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939 – 1945“ des britischen Historikers Gerald Reitlinger.
Bettina Görings Schilderung der Familiengeschichte beginnt mit einem persönlichen Drama: ihrem nicht endgültig geklärten Nervenzusammenbruch und dem Aufenthalt in einer geschlossenen Psychiatrie im Jahre 1977 während einer längeren Reise nach Mittel- und Südamerika. Wie viele junge Leute ihrer Generation war sie auf der Suche nach Freiheit, Abenteuer, Sinnsuche und der Abnabelung von ihrer Familie; und vor allem der letzte Punkt hatte seine tiefen Gründe, wie sich noch herausstellen soll.
Eine der zentralen Wegmarken in dieser Familie war das Jahr 1946. Nach der bei den Nürnberger Prozessen ausgesprochenen Verurteilung Hermann Görings zum Tode durch den Strang wegen der in der Naziherrschaft von ihm begangenen Verbrechen und seinem daraufhin verübten Selbstmord durch eine Giftkapsel bleiben die meisten Familienmitglieder ihrem berühmt-berüchtigten Verwandten positiv verbunden. Schließlich hatten viele von ihm materiell profitiert. Sein Selbstmord wurde nicht als Schuldeingeständnis gewertet, sondern als stolze Tat, um nicht im Angesicht der alliierten Siegermächte unwürdig am Galgen zu hängen; seine Verbrechen verdrängte man. Diese Haltung erfährt Bettina Göring durch Gespräche mit Familienmitgliedern, die in der damaligen Zeit groß geworden sind
Ein Sprung in das Jahr 1962: Was die Auseinandersetzungen mit Bettina Göings engerer Familie angeht, mit den Eltern und vor allem der Oma Ilse, wird in diesem Kapitel schon in Ansätzen deutlich. Auf dem Weg in einen Spanien-Urlaub wird Halt bei der Oma gemacht, die früher zum engeren Zirkel Hermann Görings gehörte, aber inzwischen auf einem heruntergekommenen Hühnerhof ihr Dasein fristet. Dort muss Bettina den Urlaub verbringen, der von Lieb- und Trostlosigkeit, Vorwürfen und Befehlen geprägt ist. Der Grund: Die ehemalige Gattin von Karl-Heinz Göring, des Bruders von Hermann Göring, und im Nazireich Grande Dame und gesellschaftlicher Liebling in der Reichshauptstadt, ist gesellschaftlich total abgerutscht und trauert ihrer „großen Vergangenheit“ hinterher – ohne jegliche Einsicht in die damals von Hermann Göring und seinen Nazischergen begangenen Verbrechen vor allem an den Juden.
Wie perfide die Verbindungen zwischen Göring und den Juden auch im innerfamiliären Zirkel waren, macht eine Episode deutlich, die ihren Anfang mit der zweiten Hochzeit des Vaters von Hermann Göring, Heinz-Ernst Göring, nimmt. Nach dem Tode seiner ersten Frau Ida Friederike Remy aus angesehener Fabrikantenfamilie vermählt er sich mit dem Hausmädchen Franziska „Fanny“ Tiefenbrunn. Aus dieser Ehe gehen die Kinder Karl-Ernst, Olga Sophie. Paula Rosa Elisabeth, der spätere „Reichsmarschall“ Hermann Wilhelm und Albert Günther hervor. Hermann Görings Eltern machen die Bekanntschaft mit dem jüdischen Erben Hermann Epenstein, aus der eine engere Beziehung wird, Epenstein wird sogar Patenonkel von Hermann Göring. Dabei bleibt es nicht. In seinem Testament vermacht Epenstein den Görings eine Burg. Kurzum: Epenstein, der später ein Opfer der Nazis geworden wäre, vererbt indirekt einem künftigen Täter sein früheres Eigentum. Schräger können manche Geschichten kaum sein.
Ein Sprung in das Geburtsjahr 1956: Als Bettina Göring geboren wird, ist die Ehe der Eltern schon kaputt. Da haben sich zwei verletzte Seelen nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges getroffen, getrieben von Hoffnungen und Sehnsüchten, aber auch von Verlusten und Enttäuschungen. Elisabeth Göring, geborene Heuser aus tief religiösem Hause, ist eine stolze, herausfordernde und energische Frau voller Energie, die als Modedesignerin durchstarten und ihr Leben in vollen Zügen genießen will, Heinz Göring, Sohn von Hermann Görings Bruder Karl-Ernst, ist einerseits ein gebrochener „Kriegsheld“, aber auch ein großspuriger Lebemann und Träumer mit Witz und Charme, der sich in vielen Berufen ausprobiert und dabei immer wieder scheitert. Auch vor Affären, sogar mit der Schwester seiner Frau, Erika, macht er in der Ehe nicht halt. Er geht sogar so weit, eine Liason mit beiden Frauen als künftiges Beziehungsmodeell vorzuschlagen. Die eheliche Katastrophe nimmt ihren Lauf. Die Folge: Elisabeht flüchtet sich in den Alkohol.
Entscheidend geprägt wird das Leben der Familie Göring aber von Hermann Görings politischem Aufstieg, mit dem sich Bettina im Zusammenhang mit dem Schreiben des Buches intensiv beschäftigt und auf viele Quellen zurückgegriffen hat. Dem ehemaligen „Fliegerhelden“ des Ersten Weltkrieges, der nach der Niederlage Deutschlands sowohl vor dem beruflichen wie gesellschaftlichen Abstieg bedroht ist, gelingt es trotz mancher Krisen, durch sein selbst- und machtbewusstes Auftreten in den besten Kreisen zu landen. In Schweden, wo er als Postflieger sein Geld verdient, wird Carin Freiin Fock von Kantzow auf ihn aufmerksam, verliebt sich in ihn und ist sogar bereit, Mann und Kinder zu verlasssen. Sie wird Görings Frau und engste Verbündete, was auch die politischen Anschauungen angeht. Beide sind glühende Anhänger Adolf Hitlers, dessen Wahn von einem wiedererstarkten Deutschland unter seiner diktatorischen Führung, dessen Antibolschewismus und Antisemitismus sie ohne wenn und aber teilen. Hitler erkennt das Potenzial Görings, der es versteht, Kontakte zu höheren Kreisen zu knüpfen, Seilschaften aufzubauen, dem es aber auch durch seine weniger verbissene, abwägende, optimistische und humorvolle Art gelingt, die Menschen für sich einzunehmen. Schnell geht die politische Karriere Görings voran. Kaum fünf Jahre nach dem gescheiterten Putsch Hitlers, an dem auch Göring beteiligt war, wird er 1928 Abgeordneter im Deutschen Reichstag, 1932 als Vertreter der stärksten Fraktion im Reichstag, der NSDAP, Reichstagspräsident. Im gleichen Jahr beginnen auch die Verhandlungen Hitlers mit dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und dem Übergangskanzler von Franz von Papen über die künftige Regierungsbildung. Ein Jahr später ist das Ende der Weimarer Republik besiegelt, die schwächelnde Demokratie wird von einer brutalen Diktatur, deren Dimension des Schreckens kaum einer zu ahnen scheint, unter der unumschränkten Führerschaft Adolf Hitlers abgelöst.
Aber nicht nur Hermann Göring ist für die Ideologie des Faschismus empfänglich. Gleiches gilt auch für seinen Bruder Karl-Ernst, den späteren Ehemann von Ilse Johanna Burchard, der Oma von Autorin Bettina Göring. Er ist als Soldat in den sogenannten Schutztruppen für Deutsch-Ostafrika tätig, die unter der Leitung von General Paul von Lettow-Vorbeck ungeheure Verbrechen an den dortigen Ureinwohnern begehen – von der Folter bis zum Mord. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg findet sich Karl-Ernst – degradiert vom Offizier zum Polizisten – in einem neuen politischen System wieder, mit dem er sich nicht identifizieren kann. Er eignet sich die rechten Verschwörungstheorien an, die von einem im Kriege unbesiegten Deutschland schwadronieren, das von den jetzt herrschenden demokratischen Politikern den Alliierten gewissermaßen auf dem silbernen Teller serviert wurde. Politisch ist er mit seinem jetzt mächtigen Bruder auf einer Linie.
Bettina Göring schwenkt in ihrem Buch dann wieder den Blick auf das Jahr 1963. Sie schreibt von den unterschiedlichsten Erinnerungen, die sie mit der Zeit ihrer frühen Kindheit verbindet. Manches davon war unbeschwert und liebevoll, vieles aber auch verstörend, unverantwortlich und lebensbedrohlich. Sie schreibt von einem heillosen Durcheinander, das in der Familie herrschte. Was war prägend? Einerseits die Betriebsamkeit in dem von der Mutter betriebenen Modeatelier, die sie als angenehm empfindet, andererseits die Gemütlichkeit im Zimmer des Vaters, der im Bett liegt, raucht und Zeitung liest, und zu dem sie sich in unbeschwerter Nähe hinlegt. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Das Modeatelier der Mutter ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, sie beginnt zu trinken, der Vater gibt sich seinen Tagträumen hin, beide geraten in Streit und wie Bettina von ihrer Kinderfrau und Ersatzmutter „Käthemann“ erfährt, geht der Vater mit der Schwester seiner Frau fremd. Bald ist auch von Scheidung die Rede, und da ist Bettina noch nicht einmal eingeschult. Auf kurzfristige Glücksmomente wie einem Sommerurlaub in Schweden folgt der nächste harte Einschnitt. Sie wird bei den eher puritanisch eingestellten Großeltern mütterlicherseits untergebracht, während der Bruder bei den Eltern bleiben darf.
Den von den Eltern verschwiegenen Verbrechen Hermann Görings, dem „guten Onkel“, kommt Bettina durch umfangreiche Lektüre historischer Bücher auf die Spur. Der erlebt nach der Machtübernahme 1933 1936 mit dem Einmarsch deutscher Truppen im entmilitarisierten Rheinland und der Olympiade im gleichen Jahr weitere Höhepunkte seiner Macht. Durch seinen „schlauen, hemmungslosen, nervenstarken und raffinierten Charakter“ wird er zum unverzichtbaren Organisator des Unterdrückungsapparates gegen politisch Andersdenkende und später zum Organisator des Vernichtungsapparates gegenüber den Juden und anderen Minderheiten. Hermann Göring spielt sich in unterschiedlichen Ämtern vom preußischen Ministerpräsidenten über den Oberbefehlshaber der Luftwaffe bis zum Reichskommissar für Rohstoffe und Devisen zum Herrn über Gedeih oder Verderb, Leben und Tod vieler Millionen von Menschen auf, bedient sich geraubten Eigentums und betreibt ohne Scham Bestechlichkeit zu seinen Gunsten in unvorstellbarer Höhe. Seine Maßlosigkeit kennt keine Grenzen. Gleichzeitig lässt er nach Lust und Laune Milde walten, zeigt sich jovial und „menschlich“. Gegen erzwungene Zuwendungen materieller Art erlaubt er reichen Juden die Ausreise aus Deutschland; und die Familie profitiert durch „Geschäfte“ dieser Art oder durch Posten wie der Leitung des Richard Wagner-Verbandes deutscher Frauen oder der Leitung des Deutschen Roten Kreuzes, wie es bei Bettinas Oma Ilse der Fall war. Andere Familienmitglieder gelangen in den Besitz jüdischen Eigentums. Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg herrscht über das alles großes Schweigen, es wird vergessen, geleugnet und verdrängt. Das bleibt nicht ohne Folgen.
Je deutlicher das wird, desto mehr zeigen sich bei Bettina und ihrem Bruder Carl Christian, die in den 1970-er Jahren groß werden und von den Nachwirkungen der 68-er-Generation geprägt sind, erste Zeichen des Aufbegehrens. Beide lernen die Welt der Hippies kennen, hängen mit diesen herum, Schule wird verweigert. Und dann kommt es zum Eklat. Als Oma Ilse auf Nachrage den Holocaust leugnet, wirft Carl Christian einen Schuh nach ihr, zerstört Fotos mit Bezügen zur NS-Zeit, es kommt zum Streit, einer Schlägerei und dem Auszug aus dem Elternhaus. Die Reaktion der Eltern: Schweigen.
Dass das Verhalten der Kinder mehr als nachvollziehbar ist, machen die politischen Entwicklungen in Deutschland im Jahre 1938 deutlich. Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, der Einmarsch in das Sudetenland durch deutsche Truppen und die Pogrome gegen die Juden in der Nachfolge der sogenannten „Reichskristallnacht“, in der Nazihorden die Synagogen anzünden, markieren den Beginn der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und des Völkermordes an den Juden. An führender Stelle dabei: Hermann Göring, der mit der Verlesung der Nürnberger Gesetze, die den Juden Stück für Stück alle Rechte und allen Besitz entziehen, persönlich das Signal für die nachfolgenden Verbrechen gibt.
In weiteren Kapiteln des Buches macht die Autorin noch deutlich werden, wie dezidiert der „gute Onkel“ in diese Verbrechen verwickelt war und von ihnen ohne jede Scham und Reue profitierte. Und wie schon thematisch angerissen auch die Familie. Ein prägnantes Beispiel dafür ist die Transaktion Rode. Die Schwester von Oma Ilse, Erika, hatte in Venezuela Walter Rode kennen- und liebengelernt. Sie heirateten, doch bald geriet die Hacienda von Rode in eine wirtschaftliche Schieflage. Der dort ausgebrochene Erdölboom führte dazu, dass die Währung zu stark wurde, mit der Folge, dass landwirtschaftliche Produkte aus Venezuela zu teuer für den Export wurden. Walter Rode und Frau Erika brachen ihre Zelte ab und kehrten nach Deutschland zurück. Was aber noch ausstand: der Verkauf der Hacienda. Und für diesen Fall hatte Hermann Göring eine perfide Idee. Dem bekannten jüdischen Unternehmer Bernheimer aus München, der in den Bereichen Kunst, Teppichen, Möbel und Antiquitäten tätig war, wurde ein formal legales Geschäft vorgeschlagen. Im Tausch gegen sein Vermögen im Werte von mehreren Milionen Reichsmark wurde ihm die wertlose Hacienda zugesprochen, und die Zusage, dass seine Familie aus Deutschland ausreisen könne. Das Geschäft kommt auf Druck der bevorstehenden Verhaftung der Familie Bernheimer zustande. Göring streicht für die Vermittlung dieses Geschäftes eine geschätzte Provision von 800.000 Reichsmark ein. Und das auch noch mit dem Gefühl, den Juden gegenüber großzügig gewesen zu sein.
Ein Sprung in das Jahr 1974: Bettina Göring wird auf ihrem Weg der Sinnsuche und der politischen Orientierung gerade auch vor dem Hintergrund ihrer Familiengeschichte zu einer der linken Wortführerinnen in ihrer Heimatstadt Wiesbaden, stürzt sich in Versammlungen und Diskussionsrunden, engagiert sich in der Schule und im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), eine der vielen politischen Gruppierungen, die sich in der Nachfolge von 1968 gebildet haben und Mao als Vorbild ansehen, der aus dem Bürgerkrieg in Chia als Sieger hervorgegangen war und eine kommunistische Diktatur errichtete. Richtig glücklich wird Bettina dabei nicht, erkennt Machotum, Arroganz und Selbstgerechtigkeit, die in dieser Szene prägend sind. Ihren Idealismus lässt sie sich aber nicht nehmen.
In einem weiteren Kapitel schließt Bettina an ihren Südamerika-Trip an, der, wie schon erwähnt, mit einem psychischen Zusammenbruch endete. Nachdem sie mithilfe der deutschen Botschaft aus der geschlossenen Psychiatrie entlassen wurde, kehrt sie zu ihren Eltern zurück, die ihr ebenso wie ihr Bruder gleichgültig gegenüberstehen. Die Mutter ist betrunken, Vater verkriecht sich hinter seine Briefmarken- und Münzsammlung, und der Bruder hängt mit Freaks in seinem Zimmer ab. Lange Zeit bleibt Bettina in Depressionen gefangen, doch irgendwann erwacht ihr Lebensmut, und eine gemeinsame Idee mit dem Bruder, dessen Freund Deven und weiteren Leuten wird geboren: die Gründung einer Landkommune. Das mit verschiedenen Jobs verdiente Geld steckt sie ebenso in das Projekt wie ungezählte Stunden Arbeit. Das Problem,was viele kennen, die das Gleiche probiert haben: ein Ungleichgewicht dessen, wieviel die Beteiligten an Geld und Arbeit investieren wollen. Viele haben eher mit ihren Problemen zu kämpfen, den Auseinandersetzungen mit ihren vom Faschismus geprägten Eltern. Bettina steigt aus dem Projekt aus. Die dramatische Folge: Der von ihr als Scheitern verstandene Ausstieg führt zu manisch-depressiven Stimmungen und ein Urlaub in Griechenland endet mit dem Aufenthalt in der Psychiatrie.
Als sie ein weiteres Mal nach Hause zurückkehrt, wo bei den Eltern alles beim Alten geblieben ist, erfährt sie, dass ihr Bruder nach Indien gereist ist, um Mitglied des von Bhagwan Shree Rajneesh in Poona gegründeten Ashrams – eine Art klosterähnliches Meditationszentrum – zu werden.
Hintergrund: Der studierte Philosoph Bhagwan verstand sich als spiritueller Lehrer, der entgegen traditioneller religiöser Auffassungen und einer traditionellen Sozialisation in eine konformistische Gesellschaft eine neue Philosophie begründete, in der Meditation, Achtsamkeit, Liebe, Zelebration, Mut, Kreativität und Humor eine Rolle spielen sollten. Ein weiterer wichtiger Punkt: eine offenere Haltung gegenüber der menschlichen Sexualität. In der westlichen Welt entstand daraus die Ideologie des New age. In Deutschland wurden viele durch die Berichte des damaligen Stern-Redakteurs Jörg Andrees Elten auf den Bhagwan und den von ihm gegründeten Ashram aufmerksam. Der wurde Anhänger des Bhagwan und seiner Lehre. Leser der Bildzeitung erfuhren hingegen nur von einem „Sexguru“.
Bettina folgt ihrem Bruder nach Poona, weiß zunächst nicht, ob sie sich dort längere Zeit aufhalten soll, doch bei einem der Vorträge des Bhagwan erliegt sie seinem Charisma. nimmt an Meditationen und dem Rebirthing teil, einer Art Psychotherapie, bei der mit einer speziellen Technik der Atem beschleunigt wird, sodass man in einen tranceähnlichen Zustand gerät, der es ermöglichen soll, sich an das Geburtserlebnis zu erinnern beziehungsweise sich in diesen Moment zurückzuversetzen. Bettina hat das Gefühl, ein neues Zuhause gefunden zu haben, wird vom Bhagwan nach einer vierwöchigen Probezeit offiziell zur Sannyassin erklärt, was bedeutet, dass sie ein von spiritueller Suche bestimmtes Leben führt. Äußerlich sichtbar wird das durch ein rotes Kleid, das alle Sanyassins tragen.
Im Buch wirft Bettina im Anschluss an ihre ersten Poona-Schilderungen wieder einen Blick auf ihren „guten Onkel“, dessen große Zeit sich mit der Wende im Zweiten Weltkrieg dem Ende zuneigt. Die Alliierten haben die Lufthoheit übernommen und der Feldzug in der Sowjetunion erweist sich als Fiasko. In Stalingrad ergibt sich 1943 die 6. Armee, ein Jahr später wird mit der Invasion der Alliierten in Frankreich die Endphase des Krieges eingeläutet. Göring hat sich den Regierungsgeschäften entzogen, feiert noch bis ins vorletzte Kriegsjahr pompöse Feste, reist mit einem Sonderzug der Luxusklasse in die eroberten Länder wie Frankreich, auf der Suche nach Kriegsbeute, der er noch habhaft werden kann. Unter anderem im Louvre in Paris, einem der bedeutendsten Kustmuseen der Welt. Benebelt von Morphium lebt er immer mehr in seiner eigenen Welt, träumt von früherem „Ruhm“ und Macht. Gleichzeitig hat die deutsche Bevölkerung unter den immer mehr zunehmenden Bombenangriffen der Alliierten zu leiden. Zehntausende bis Hunderttausende Menschen sterben, werden obdachlos, frieren und hungern.
Dass Göring, den das überhaupt nicht zu kümmern scheint, sich trotzdem noch halten kann, verdankt er Hitler, der unbeirrbar an ihm festhält, in Erinnerung an früher erworbene Verdienste um die NSDAP und deren Machtübernahme.
Ein weiterer Zeitsprung in das Jahr 1981: Eine große Wende im Leben der Eltern von Bettina. Sie erhält die Nachricht vom bevorstehenden Tod des Vaters. Gleichzeitig hat sich die Mutter von ihrer Alkoholsucht in einer Kur befreit. Auf ihrer Suche nach Orientierung und Halt im Leben wird sie sogar wie ihre Tochter eine Anhängerin des Bhagwan und zieht für eine Zeit nach Poona.
30 Jahre später: Im Zusammenhang mit den Filmprojekten, in denen über das Leben der Nachfahren der Naziverbrecher berichtet wird, begibt sich Bettina in die Schorfheide, wo sich früher das pompöse Anwesen „Carinhall“ ihres Onkels befand. In dieser Zeit beginnt ihre intensive und schmerzhafte Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte. Die mit ihrem Verwandten Michael Christian Göring ausgetauschten Dokumente und ein Familientreffen bilden die Grundlage für das Buch.
Neue Nachrichten aus Poona: Wegen seiner liberalen Vorstellungen zum Thema Sexualität gerät der Bhagwan in Konflikt mit reaktionären politischen Kräften in Indien und sieht sich gezwungen, im Jahre 1982 den Ashram zu räumen. Ein großer Neuanfang soll in den USA gemacht werden. Gleichzeitig erhalten mehrere seiner Anhänger, darunter auch Bettina, den Auftrag, ein Sannyassin-Zentrum zu eröffnen. Wie sie in ihrem Buch schreibt, erlebt sie dort den Sommer ihres Lebens. Beim Aufbau des Zentrums hilft sie jeden Tag ein paar Stunden mit, den Rest des Tages begibt sie sich auf Stadterkundung und macht Shoppingtouren – mit dem Erbe, das sie nach dem Tod des Vaters erhalten hat, der nach manchen geschäftlichen Mißerfolgen mit einem Münzhandel ein kleines Vermögen gemacht hat. Trotz der angespannten wirtschaftlichen Situation Großbritanniens empfindet sie dort bei vielen Menschen eine enspannte Stimmung, Leichtigkeit und den typisch britischen Humor – ganz anders, als sie es in Deutschland empfindet.
In den USA hat die Gemeinschaft rund um den Bhagwan inzwischen ein großes Grundstück im Bundesstaat Oregon erworben. Ihm zur Seite steht als Sprecherin und „rechte Hand“ Ma Anand Sheela, die immer mehr die Fäden in die Hand nimmt. Während in Oregon eine Kommune mit landwirtschaftlicher Ausrichtung entsteht, soll in London eine Art Kinderheim errichtet werden.
Aus der Überzeugung heraus, dass Kleinfamilien zu spießig seien und dass die Eltern erst das Kind in sich entdecken müssten, bevor sie ihrer Rolle als Eltern gerecht werden könnten, reifte die Idee, dass Kinder ihre Eltern während dieses Entwicklungsprozesses nur störten und daher aus der Familie zu trennen seien. Mit im Aufbauteam des Kinderheimes in London: Bettina. Als Belohnung für ihr Engagement erhält sie eine Einladung zu einem großen Fest in die neu errichtete Siedlung Rajneeshpuram in Oregon, wo bis zu 3000 Menschen wohnen. Doch dieses Fest wird für Bettina zum Fiasko: Sie erkrankt schwer und bricht ein weiteres Mal zusammen.
Später bekommt sie mit, dass die durch den Bhagwan geweckten Vorstellungen von einer besseren Welt nur eine Illusion waren. In Oregon hatten sie die Dinge gewandelt. Die Angst vor Aids führte zu einer strengeren Sexualmoral, statt Meditation, Muße und freier Liebe stand Arbeit bis zum Umfallen auf dem Programm, Gerüchte von versuchtem Mord und vergifteten Lebensmitteln machten die Runde, und der Bhagwan, der sich ein Schweigegelübde auferlegte, ließ sich nur gelegentlich bei Ausfahrten mit einem Rolls Royce sehen.
Doch das richtige Drama folgt noch. Mit einigen Tricks war es Sheela, gelungen, die Mehrheit im Rat des Ortes Antelope in der Nähe des Bhagwan-Zentrums zu erobern. Es kommt zum Konflikt mit den Anwohnern, im Bhagwan-Zentrum wird ein bewaffneter Sicherheitsdienst aufgebaut. Als Sheela merkt, dass sie das Rad überdreht hat, ergreift sie die Flucht. Gegenseitige Anschuldigungen zwischen ihr und dem Guru besiegeln dann das Ende der Gemeinschaft in Oregon. Sheela und der Bhagwan landen wegen verschiedener Straftaten vor Gericht, kommen aber glimpflich davon. Er zieht nach Poona zurück und stirbt dort 1990, sie zieht in die Schweiz, wo sie zwei Wohheime für Betagte und Behinderte leitet.
Und Bettina?: Auch von dem letzten körperlichen und psychischen Zusammenbruch erholt sich Bettina, zieht nach Laguna Beach zu ihrem Bruder, wo sie zunächst als Masseurin arbeitet. Dort lernt sie auch ihren späteren Mann Ade kennen, mit dem sie in Santa Fe ein Haus baut. Ein Studium der Orientalischen Medizin folgt. Beide leben und arbeiten in Thailand, wo sie sich eine neue Existenz aufgebaut haben.
Fazit: Bettina Göring und ihrer Co-Autorin Melissa Müller ist ein äußerst spannendes und berührendes Buch gelungen, das zum einen deutsche Geschichte, zum anderen die fatale Familiengeschichte der Görings und die persönlichen Nachwirkungen bei einem Familienmitglied, Bettina Göring, beleuchtet, die über Jahrzehnte mit ihrem Schicksal zu ringen hat wie viele andere ihrer Generation, bis sie endlich bei sich angekommen ist.
Und ihre Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit ihrer Familie bestätigt angesichts des Erstarkens rechter politischer Kräfte in Deutschland die Aktualität des Buches. Die von ihrem Onkel Hermann begangenen Verbrechen machen deutlich, was sich hinter jetzt wieder beschworenen Phrasen von Vaterland, Moral und Tugend zumeist verbirgt, oder offen als Ausgrenzungs- und Vertreibungsphantasie ausgesprochen wird: ein Faschismus 2.0.