T. C. Boyle: América

Die Grenze der Belastbarkeit oder die Belastbarkeit der Grenze

Es ist der Zusammenstoß der unterschiedlichen Welten, mit dem der Roman „América“ von T. C. Boyle, einem der bekanntesten Schriftsteller der USA, der sich auch in Deutschland großer Beliebtheit erfreut, seinen Anfang nimmt. Ein Zusammenstoß im wahrten Sinne des Wortes, der auf ein Thema hinweist, das auch in Deutschland täglich in den Zeitungen und im Fernsehen präsent ist und immer wieder zu erbitterten politischen Auseinandersetzungen führt: dass der Migration und der damit verbundenen Flüchtlinge, die nicht immer auf ein ungeteiltes Wohlwollen treffen.

Delaney Mossbacher, Autor für ein Naturmagazin, liberaler Demokrat und ein typischer Vertreter des US-amerikanischen Mittelstandes, fährt mit seinem Auto einen Mann an. Komischerweise scheint der trotz erheblicher Verletzungen gar nicht daran interessiert zu sein, dass die Ursache des Unfalls und eventuelle Schadensersatzforderungen geklärt werden. Er läuft einfach weg. Woran das liegt? Cándido, so heißt der Man, ist einer der zahlreichen illegal in den USA lebenden Mexikaner, die sich dort Hoffnungen auf ein besseres Leben machen.

Der begnadete Erzähler T. C. Boyle („Wassermusik“, „Das Licht“, „Drop City“, „Blue Skies“ etc.), der es einfach versteht, seine Leser unmittelbar in seinen Bann zu ziehen, entwickelt in dem 1995 unter dem Originaltitel „The Tortila Curtain“ erschienenen Roman ein Szenario, das an Aktualität nichts verloren hat. Es ist von Toren und Mauern zur Abwehr der Migranten die Rede.

Delaney Mossbacher lebt mit vielen weiteren Vertretern der weißen amerikanischen Mittelklasse in der Wohnsiedlung Arroyo Blanco Estates. Hier möchte man sich der Illusion hingeben, ein Lebe ohne gesellschaftliche Konflikte und mit direktem Zugang zur Natur führen zu können, jenseits des in unmittelbarer Nähe befindlichen Molochs von Stadt namens Los Angeles; doch die Realität in Gestalt von Arbeit suchenden Mexikanern samt Familie, die sich illegal in den USA aufhalten, und auch in Gestalt von Kriminalität, macht den Bewohnerinnen und Bewohnern von Arroyo Blanco Estates einen Strich durch die Rechnung. Mit bewachten Toren und hohen Mauern wollen sie sich auf einmal schützen und bauen eigentlich doch nur ein Gefängnis.

Auf der anderen Seite steht beispielhaft für die vielen nach Arbeit suchenden Mexikanern Cándido, der gemeinsam mit seiner schwangeren Freundin América auf ein besseres Leben in den USA hofft. Doch diese Hoffnung trügt. Immer wieder kommt nach kurzen Momenten, in denen es so scheint, dass die Dinge sich zum Besseren wenden, ein Rückschlag, der alles zunichte zu machen scheint, so dass sich Cándido die Frage stellt: „… wer hatte ihn eigentlich zur Zielscheibe aller Katastrophen dieser Welt erwählt?“ Das klingt nicht von ungefähr wie die Klage Hiobs aus dem Alten Testament. Und mit einem weiteren Bezug auf die Bibel heißt es an anderer Stelle: „… dachte er an Christus mit dem Kreuz und der Dornenkrone, und er fragte sich, wer wohl das schlimmere Los zu tragen hatte.“ Aus dem Namen Cándido ist noch ein weiterer literarischer Bezug erkennbar: der zu dem Roman „Candide“ von Voltaire, dessen Held auch viel zu erdulden hat.

T. C. Boyle hat mit „América“ einen Roman geschrieben, der sowohl aus der Sicht der etablierten Weißen und der unterpriviligierten Mexikaner schildert, wass passiert oder passieren kann, wenn unterschiedliche Gesellschaftsgruppen aufeinander treffen – eine mehr als lohnenswerte Lektür zu der zur Zeit geführten Flüchtlingsdebatte.

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