Wie aus einem Justizdrama ein Kommentar zur Zeitgeschichte wird

Eine umjubelte Premiere war am vergangenen Freitag in der Kornmühle zu erleben. Die Theaterwerkstatt Nordhorn führte unter der Regie von Ernst Schröder das Justizdrama „Die 12 Geschworenen“ nach dem gleichnamigen Fernsehspiel von Reginald Rose auf, das durch den mit so bekannten Namen wie Henry Fonda, Martin Balsam, Lee J. Cobb, Jack Warden und Jack Klugman hochkarätig besetzten Kinofilm auch international bekannt wurde.

Doch wie die Zeiten sich wandeln. Vor dem Hintergrund einer immer erregteren Diskussions-Unkultur, die viele Gespräche zu vergiften droht – sei es über den Krieg in der Ukraine oder den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis – , wird aus einem Justizdrama ein Kommentar zum aktuellen Geschehen, geprägt von sogenannten alternativen Fakten, Lügen und Hetze – Donald Trump und AfD lassen grüßen. Ob das so von Regisseur Schröder beabsichtigt war, wird er nur selber beantworten können.

Doch worum geht es eigentlich? Nach sechs Verhandlungstagen eines Mordprozesses, in dem ein achtzehnjähriger Puerto-Ricaner aus den New Yorker Slums des Mordes an seinem Vater beschuldigt wird, ziehen sich die zwölf Geschworenen in das Geschworenenzimmer des Gerichts zurück. Hier sollen sie über das Urteil beraten, das einstimmig gefällt werden muss. Dem Angeklagten droht im Falle des Schuldspruchs die Hinrichtung durch den elektrischen Stuhl. Aufgrund zweier eindeutiger Zeugenaussagen scheint der Schuldspruch eine klare Angelegenheit zu sein, die keine lange Beratung erfordert. Doch in der ersten Abstimmung stimmt der Geschworene Nr. 8 als einziger der zwölf Geschworenen für nicht schuldig, während die elf anderen mehr oder weniger überzeugt für eine Verurteilung des jungen Mannes stimmen.

Die Aufgabe der 12 Geschworenen ist eine große. Es geht um die Entscheidung über ein Menschenleben und um die Wahrheitsfindung – vor dem Hintergrund schwieriger Bedingungen. Eingesperrt in einem Raum bei unerträglichen Temperaturen sollen sie den Fall klären, der aufgrund von zwei Zeugenaussagen deutlich zu sein scheint. Eine Frau und ein Mann aus der Nachbarschaft sind überzeugt, den 18-jährigen Puerto-Ricaner bei der Tat gesehen zu haben. Diese Aussagen haben auch die Geschworenen bis auf einen überzeugt. Aber wie substanziell ist diese Überzeugung und wie sehr ist diese von den unterschiedlichen Charakteren der Geschworenen geprägt?

Da gibt es den Vorsitzenden Nr. 1 (Kalle Busche), der um Ordnung bemüht ist und versucht, die Diskussion zu leiten. Mit seiner eigenen Meinung zu dem Fall hält er sich jedoch zurück. Als er merkt, dass die Stimmung kippt, schließt er sich zögernd der neuen Mehrheit an.

Nr. 2 (Phila Swafing) ist eine freundliche Frau, anfangs sehr unsicher und zugleich aufgeregt, zumal er zum ersten Mal in einer Jury sitzt. Er versucht zu begründen, warum er den Angeklagten für schuldig hält, kann es aber nicht schlüssig erklären. Im Laufe der Handlung wandelt sich ihr Agieren.

Nr. 3 (Bernd Wilke) ist ein grobschlächtiger, aufbrausender Mann, der die Konflikte mit seinem Sohn auf den Angeklagten überträgt und diesen dafür verurteilt sehen will.

Nr. 4 (Birgitta Dietz) ist eine analytisch und objektiv denkender Frau, die sich keine Emotionen erlaubt und sich stets unter Kontrolle hat. Trotz der schwülen Hitze im Raum schwitzt sie zunächst nicht einmal. Disziplinlosigkeit ist ihr zuwider, und sie verabscheut die Emotionsausbrüche anderer Geschworener. Sie versucht mit sachlichen Argumenten zu überzeugen und genießt eine gewisse Autorität bei den anderen Juroren.

Nr. 5 (Nevio Oelrichs) ist, wie der Angeklagte, in den New Yorker Slums aufgewachsen. Er reagiert empfindlich auf Vorurteile, die im Laufe der Diskussion auftauchen.

Nr. 6 (Katharina „Kitty Munk) ist eine einfache Frau ohne intellektuellen Hintergrund, dafür aber mit klaren moralischen Grundsätzen.

Nr. 7 (Werner Rohr) schlägt sich als Handelsvertreter für Marmelade durchs Leben und fällt durch seine flotten Sprüche und kleinen Witze auf. Ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht, scheint ihn nicht zu interessieren. Wichtiger ist ihm, dass die Sache schnell über die Bühne geht, weil er das Baseballspiel der New York Yankees am Abend auf keinen Fall verpassen will.

Der schon erwähnte Nr. 8 (Clemens Haas) hält die Schuld des Angeklagten nicht für zweifelsfrei bewiesen. Deshalb stimmt er als Einziger von Anfang an für „nicht schuldig“, auch wenn er es für möglich hält, dass der Angeklagte die Tat begangen haben könnte. Aber nur so kann er die anderen dazu bringen, den gesamten Fall Punkt für Punkt durchzugehen.

Nr. 9 (Regina Liu) ist eine ruhige, älterer Frau mit gesundheitlichen Problemen, die zuerst auch für „schuldig“ stimmt, dann aber Nr. 8 nach dessen ersten Ausführungen als erste folgt.

Nr. 10 (Hanno Buscher), Betreiber mehrerer Tankstellen, ist ein cholerischer Rassist, der mit seinen Vorurteilen nicht hinter dem Berg hält. Für ihn ist der Angeklagte allein wegen seiner puerto-ricanischen Herkunft schuldig. Deshalb interessieren ihn Tatsachen nur, solange sie die Schuld des Angeklagten zu beweisen scheinen.

Nr. 11 (Vera Wicke), eine Einwanderin aus Europa, ist eine disziplinierte Frau, die stolz darauf ist, jetzt Amerikanerin zu sein. Sie macht sich Notizen und beobachtet das Geschehen genau. Ihr fallen dabei einige Widersprüche auf. Sie weiß die Vorteile einer freien Gesellschaft und eines fairen Justizsystems zu schätzen und ermahnt die erhitzten Gemüter zur Ruhe.

Nr. 12 (Gerd Hensen) ist ein oberflächlicher Opportunist. Konflikte liegen ihm nicht, die scharfen Auseinandersetzungen sind ihm zuwider. Während der Diskussionen kritzelt er gelangweilt auf seinem Block herum. Er ist ein Mann der Schlagworte und flapsigen Redensarten. Inhaltlich kann er nicht viel beitragen. Als er sich mit der Mehrheit weiß, ist er noch sehr selbstsicher. Das ändert sich im Laufe der Handlung.

Bei seiner Inszenierung ist es Regisseur Ernst Schröder zum einen gelungen, diese unterschiedlichen Charaktere – vom ganzen Ensemble hervorragend umgesetzt – herauszuarbeiten, zum anderen die Spannung bei einem Stück zu halten, das in nur einem Raum spielt und inhaltlich ausschließlich aus Gesprächen und Diskussionen besteht.

Was die Spannung ausmacht, ist aber nicht nur die Inszenierung, sondern auch die Unterschiedlichkeit der Haltungen, die die 12 Geschworenen zu ihrer Aufgabe der Wahrheitsfindung einnehmen, und die Veränderung ihrer Einstellungen, die sich im Laufe der Handlung ergibt.

Für letzteres ist natürlich der von dem Geschworenen 8 (Clemens Haas) nachdrücklich geäußerte Zweifel an den angeblich so eindeutigen Fakten zu Lasten des Angeklagten ausschlaggebend.

Obwohl es sein Recht ist, Zweifel zu äußern, wird es ihm vor allem von drei Personen abgesprochen, denen ein schnelles Urteil wichtiger ist als ein auf dem Abwägen von Argumenten basierendes Urteil. Es sind Nr. 3, Nr. 7 und Nr. 10. Nr. 3 projiziert die im Streit erfolgte Trennung von seinem Sohn auf den Angeklagten, Nr. 7 will ein Baseballspiel nicht verpassen und Nr. 10 ist von seiner rassistischen Haltung gegenüber dem angeklagten Puerto-Ricaner so durchdrungen, dass er keine Argumente gelten lassen will. Aus persönlichen Gründen werden diese drei ihrer Aufgabe, ein begründbares Urteil über Schuld oder Unschuld und vor allem über Todesstrafe oder Freispruch zu treffen, nicht gerecht. Bei Nr. 4 ist die Situation eine andere. Sie ist eine analytisch und objektiv denkende Frau, die mit sachlichen Argumenten zu überzeugen versucht. Was sie nicht versteht: dass es vor dem Hintergrund der ungeheuren Mordtat Ungereimtheiten geben kann, die nicht aufzulösen sind. Und so beginnt vor allem zwischen ihnen und Nr. 8 eine erbitterte Auseinandersetzung.

Anders ist es bei den anderen, zunächst noch etwas blass und unentschieden wirkenden Geschworenen. Allmählich ist bei ihnen der Zweifel gewachsen; und durch eigene Beobachtungen und Erinnerungen an den Gerichtsprozess, angeregt von Nr. 8, stellen sie Lücken in der vom Staatsanwalt vorgelegten Beweiskette fest.

Kurzum: Die Besucherinnen und Besucher der noch folgenden Aufführungen erleben ein spannendes Justizdrama, das viel über eine demokratisch verfasste Staatsordnung, Recht, Gerechtigkeit und vor allem über die Freiheit, begründete Zweifel zu haben, aussagt.

„Lob der Demokratie“ – gegen rechte und faschistische Umtriebe in Deutschland

Lesung der Theaterwerkstatt in der Kornmühle in Nordhorn

Vor dem Hintergrund immer mehr um sich greifender rechter und demokratiefeindlicher Gesinnungen und Handlungen in Teilen der Gesellschaft lädt die Theaterwerkstatt Nordhorn in Kooperation mit der Initiative „Grafschaft zeigt Gesicht“ zu mehreren Lesungen mit dem Titel „Lob der Demokratie“ in die Kornmühle ein.

Gelesen wird unter anderem aus dem Werk von Kurt Tucholsky, Kurt Tucholsky war als Schriftsteller und Autor von Zeitschriften wie „Der Weltbühne“ einer der größten Verfechter der ersten Demokratie in Deutschland, der „Weimarer Republik“, und einer der führenden Gegner der Nationalsozialisten.

Aus Verzweiflung über den Sieg der Nationalsozialisten bei der Wahl im Jahre 1933 setzte er 1935 im Exil in Schweden seinem Leben ein Ende. Unter anderem in seinen Q-Tagebüchern, die er von 1934 bis 1935 schrieb, setzte er sich – manchmal auch in sehr drastischer, aber vor dem geschichtlichen Hintergrund auch nachvollziehbarer drastischer Sprache – mit dem aufgekommenen und sich verbreitenden Faschismus sowie dem damit einhergehenden Antisemitismus auseinander, aber auch mit der Feigheit der von den Nazis bedrohten Personen, seien es Betroffene wie die Juden selbst zu damaliger Zeit oder andere von Verfolgung bedrohte Personenkreise. So wird Tucholsky in seinem schwedischen Exil von folgender Äußerung aus seinem näheren oder ferneren Bekanntenkreis berichtet: „Das ist das einzig Richtige. Hier sollen auch gar keine Juden mehr nach Schweden kommen, das steigert nur den Antisemitismus, und die Juden sollen sich überhaupt in nichts hineindrängen …“ Tucholskys Antwort darauf in seinen Q-Tagebüchern: „Nun, daß solch ein Hosenhändler (Anm.: ein Jude) seine privilegierte Stellung des Schutzjuden den andern gegenüber ausspielt, selbst aber nicht daran denkt, (aus Deutschland) wegzugehen, das haben wir ja schon mal erlebt. Was mich an diesen Leuten so tief empört, ist die Konzession: Ja, wir sind ein Dreck und müssen uns verkriechen. Sie haben so gar keine Würde, so gar kein Gefühl für echte Gleichberechtigung …“. Kurt Tucholsky, der gleichfalls aus einer jüdischen Familie stammt, ist entsetzt über die Haltung anderer Juden, die sich – wissentlich oder unwissentlich – vor ihrem drohenden Schicksal wegducken.

Dieses Entsetzen Tucholskys ist auch einer anderen Eintragung in seinem Q-Tagebuch zu entnehmen. Ursache dieses Entsetzens ist die Lektüre einer Zeitung: „Habe im Läsesaal (Lesesaal) eine Coullion-Zeitschrift (Anm.: Coullion bedeutet in der Übersetzung aus dem Französischen Armleuchter und meint genau das) in der Hand gehabt. Die Beschimpfungen des „Stürmer“ (Anm.: „Der Stürmer“ war eine Hetzzeitschrift der Nationalsozialisten, die vor allem in unsäglicher Weise die Juden verunglimpfte und verbal den Weg für den Holocaust ebnete) sind nichts gegen die kalte Selbstverständlichkeit dieser Haltung. Das ist viel schlimmer als alles andere. Und es gibt wohl nur noch eines, das verächtlicher ist: das ist die Haltung der Juden und jener Herausgeschmissenen, die „das gar nicht so schlimm finden“. Das ist beispiellos. Sie kriegen in die Fresse und lachen, wie der Mann im Witz, weil sie gar nicht der sind, den der Ohrfeigende in ihnen gesehen hat. „Ich heiße doch gar nicht Lehmann.“ Also haben die andern recht, weil sie stärker sind, und weil es geht, und weil man sich das erlauben kann.“

Tucholskys Vorwürfe in Bezug auf die Unterwerfung vor den Nationalsozialisten richten sich vor dem Hintergrund der vom Völkerbund (Anm.: Vorgänger der Vereinten Nationen bis zur Auflösung im Jahre 1946) für das Jahr 1935 anberaumten Volksabstimmung über die Zukunft des Saarlandes aber selbstverständlich auch an das deutsche Volk. Das im Zuge des verlorenen Ersten Weltkrieges unter französischer Verwaltung stehende Saarland beziehungsweise deren Bevölkerung war vor die Wahl gestellt, sich für die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich, zu Frankreich oder für die Beibehaltung des status quo zu entscheiden.

Tucholsky schreibt: „Der Bericht … über die Saar ist trostlos pessimistisch. Es scheint dort, wenn das richtig ist, ein derart trockner und stiller Terror zu herrschen, daß selbst der Zusatz des Völkerbundes, daß sie später noch einmal stimmen dürfen, nichts mehr helfen wird. Er kommt auch viel zu spät … und es ist ihnen nicht zu helfen. Die armen Hunde, die dabei unterliegen! Es stimmen sicherlich viele junge Menschen für Deutschland, weil sie sich auf den blutigen Karneval freuen, der dann losgeht und wie ein Krieg das graue Alltagsleben lieblich unterbricht.“ Die Wahl fiel zugunsten der Rückkehr in das Deutsche Reich aus.

In weiteren Ausführungen seines Tagebuches geht es Tucholsky auch um das Schicksal von Schriftstellerkollegen, die dem Nazi-Terror nicht entfliehen konnten. Schon 1934 fand Erich Mühsam den Tod im Konzentrationslager Oranienburg, und Tucholskys Freund und Mitstreiter bei der Zeitschrift „Die Weltbühne“, Carl von Ossietzky, wird bis zu seiner Erkrankung an Tuberkulose im Konzentrationslager Sonnenburg bei Küstrin inhaftiert. Er stirbt 1938 im Staatskrankenhaus der Polizei in Berlin.

Lesetipps: Wer sich näher für das Thema „Faschismus“ in der belletristischen oder autobiografischen Literatur interessiert, dem seien folgende Bücher empfohlen: Alfred Andersch, „Der Vater eines Mörders“, Verlag Diogenes. Darin behandelt der Autor eine autobiografisch geprägte Begegnung mit dem Vater von Heinrich Himmler, dem Rektor eines Münchener Gymnasiums; Erich Kästner, „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“, Atrium Verlag. Er spielt in der Endphase der Weimarer Republik, in der die Nationalsozialisten immer mehr an Zulauf erhalten: Ralph Giordano, „Erinnerungen eines Davongekommenen“, Verlag Kiepneheuer & Witsch. Der Journalist erzählt vom Schicksal seiner jüdischen Familie und seinem eigenen nach der Übernahme der Herrschaft in Deutschland durch die Nationalsozialisten. Sie überleben Verfolgung und Krieg im Keller eines Hauses; Edgar Hilsenrath, „Der Nazi und der Friseur, Fischer Verlag. In dieser bösen Satire übernimmt ein Nazi die Identität eines Juden und macht Karriere in Israel, und eine Entdeckung bei der Buchmesse in Leipzig, als Rumänien Gastland war: Catalin Mihuleac, „Oxenberg & Bernstein, Zsolnay Verlag. Darin wird die Verfolgung der Juden in Rumänien geschildert.

Termine für die Lesungen „Lob der Demokratie“ sind der 6., 14., 20. und 21. September jeweils um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Um eine Spende für weitere Aktionen der Initiative „Grafschaft zeigt Gesicht“ wird gebeten.

Auf den Spuren von Edgar Allan Poe

Aufgeteilt ist das Stück in drei Akte. In den jeweiligen Pausen wird ein mehrgängiges Menü gereicht.

Veranstaltungsort ist in diesem Jahr das neu eröffnete ehemalige Kinozentrum „Capitol Treff 13 e.V.“ an der Neuenhauser Straße 13 in Nordhorn. Dort wird die Premiere des Stückes am 1. und 2. November gefeiert. Am 7. und 11. November ist es in „Ela´s Kitchen“ in Lingen zu erleben und am 23. November auf dem Ponyhof Niers in Neuringe. Die Preview kann bereits am 18. und 19. Oktober im Hotel Restaurant Kruse zum Hollotal in Neuenkirchen-Vörden besucht werden. Wer sich ein letztes Mal „Hitchco(o)ck á la carte“ anschauen will, kann das beim Festival zum 125. Geburtstag von Alfred Hitchcock in Eutin am 27., 28. und 29. September tun.