Discotheken- und Jugendkultur in der Region

Der Nordhorner Historiker Werner Straukamp ist einer der Autoren des Ausstellungskataloges „Charly für ´ne Mark – Eine Disco im Museum“. Anlass war die „Eröffnung“ einer Land-Discothek im Museumsdorf Cloppenburg.

Meine erste Erinnerung an den Besuch einer Discothek liegt schon über 40 Jahre zurück. Ich war zu Besuch bei meinen Cousins in Werlte. Dort saßen wir oft im Zimmer meines ältesten, leider sehr früh verstorbenen Cousins Michael, und hörten mit der damals besten Technik, die High Fidelity, kurz Hi Fi, zu bieten hatte, die prägende Musik der 1960-er und 1970-er Jahre von Deep Purple über Uriah Heep und Jethro Tull bis hin zu Santana, Doors und Pink Floyd.

Auf dem Bike zur Disco

Eines Tages machte ich im Rahmen meines Besuchs zwei besondere Erfahrungen, die mir heute noch unvergesslich sind: Ich durfte auf einem Motorrad mitfahren und ein bisschen Easy Rider-Luft schnuppern, und zum ersten Mal in meinem Leben, ich mochte 16 oder 17 Jahre alt sein, sollte ich eine Disco von innen erleben dürfen – damals für mich noch etwas sehr Besonderes. Der Weg führte nach Bippen bei Fürstenau, wo es das legendäre „Fiz Oblon“ gab.

Mit großen Augen betrachtete ich die im Flackerlicht tanzenden Menschen mit ihren so ganz anderen Klamotten, als ich sie kannte. Die Musik, die ich von Michael kannte, wurde hier auch gespielt, aber natürlich in einer ganz anderen Lautstärke. Ich war begeistert, aber zum Tanzen noch zu schüchtern, bewegte nur ein wenig Kopf und Füße. Die erste Nervosität wich, als ich eine Zigarette in der rechten Hand, und in der anderen ein Bier hatte.

So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches“

Zwischendurch saßen wir dann auch in einem schummrig beleuchteten Raum, bestückt mit alten, gemütlichen Möbeln, Emaille-Werbeschildern und Bildern mit gelegentlich befremdlichen Motiven an den Wänden. Hier hing man einfach ab und ich betrachtete die Leute, die ebenfalls ganz anders waren, als die, die ich sonst so kannte. So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches, und natürlich durften Jeans, Rüschenhemden und Leder nicht fehlen, ebenso wenig selbst gedrehte Zigaretten.

Auslöser für die Erinnerung an diese Zeit war 2021 die Veröffentlichung eines Kataloges, der aus Anlass der „Neueröffnung“ der Diskothek „Zum Sonnenstein“ herausgebracht wurde. Es handelte sich dabei um eine „Neueröffnung der besonderen. Sie erfolgte auf dem Gelände des Museumsdorfes Cloppenburg. Die einstige Landgaststätte „Zum Sonnenstein“ im kleinen Ort Harpstedt bei Bremen war in den 1960-er Jahren ein Tanzlokal mit Livemusik und regelmäßigem „Sängerwettstreit.“ 1973 wurde die Gaststätte zu einer Discothek umgewandelt. Nach der Schließung im Jahre 2014 ist das „Zum Sonnenstein“ inklusive der kompletten Inneneinrichtung und der Musik- beziehungsweise DJ-Technik komplett erhalten geblieben. 2018 wurde das ganze Gebäude abgebaut und im Museumsdorf Cloppenburg wieder aufgebaut. Seit dieser Zeit wird die Discothek mit zugehörigem Bistrobereich, Musik- und Lichtanlage, beleuchteter Tanzfläche, DJ-Pult, Plattensammlung, Barhockern und Biergläsern den Besucherinnen und Besuchern präsentiert.

Einer der Autoren des Kataloges ist der Nordhorner Historiker Werner Straukamp. Sein umfangreicher Artikel trägt den Titel „Discotheken- und Jugendkultur entlang der Bundesstraße 213 – 1965 bis 1989“.

Wie Straukamp in einem Gespräch berichtete, war das Projekt des Wiederaufbaus der Discothek der Auftakt einer konzeptionellen Neuorientierung. Dessen früherer Leiter Uwe Meiners hatte es sich vorgenommen, auch die Wohn-, Freizeit- und Konsumkultur der Nachkriegszeit darzustellen.

Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt durch ausführliche Forschungsarbeiten, die ihren Widerhall in dem Katalog fanden. Nachdem Werner Straukamp in einem Zeitungsartikel vom 1:1-Wiederaufbau der Discothek „Zum Sonnenstein“ erfahren hatte, setzte er sich mit Uwe Meiners zusammen.

Aufwändige Recherche

Dabei entstand die Idee, statt einer allgemeinen Disco-Kultur in der Bundesrepublik Deutschland einen eher regionalen Rahmen zu wählen und die Geschichte der Landdiscotheken entlang der B 213 vom Grenzübergang Frensdorfer Haar bei Nordhorn bis nördlich nach Delmenhorst zu betrachten.

Aufwändig Recherchearbeiten begannen. So galt es für die Autoren, neben den Tageszeitungen der Region alle Exemplare der damals bekannten Pop- und Rockzeitschriften wie Bravo, Sounds, Pop, Twen und Spex auf das Stichwort Discothek hin zu sichten. Entsprechende Materialien fanden sie unter anderem in einem Institut der Universität Münster und in der Bibliothek der Universität in Oldenburg, aber natürlich auch vor Ort bei den Grafschafter Nachrichten oder in kommunalen Archiven.

Wie dem liebevoll gestalteten, inhaltsreichen und unterhaltsam zu lesenden Katalog zu entnehmen ist, fand die Disco-Kultur in der Grafschaft Bentheim ihren Anfang im Jahre 1967 am Hohenkörbener Weg in Nordhorn. Der italienische Gastronom Guiseppe Bertoncin eröffnete dort in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Friseursalons das „Whisky A Go-Go“. Es kamen danach unter anderem das nach dem Hit einer Band aus den USA benannte „Little Annie Fanny“ und das „Capri“ im Nordhorner Stadtteil Blanke.

Aber auch kleinere Orte der Grafschaft wurden vom Disco-Fieber erfasst. In Bad Bentheim wurden das „Oldtimer“ und das „Domino“ eröffnet, in Schüttorf ein weiteres „Whisky A Go-Go“ und das „Tiffany“. Zunächst wenig passierte in der Niedergrafschaft, bis junge Leute 1971 die Interessengemeinschaft Beatfans Emlichheim gründeten. Mit Erfolg. Werner Straukamp schreibt: „Man nimmt die Sache selbst in die Hand. Im Clubraum am Bremarkt finden ab Ende Mai 1971 regelmäßig Disco-Abende statt.“ Weitere Discotheken folgten; und der Boom schien kein Ende zu nehmen. Wie Straukamp weiter schreibt „sind allein im südlichen Weser-Ems-Raum … Woche für Woche mindestens 60.000 Besucher zu verzeichnen.“ Eine Zahl, die bis Anfang der 1980-er Jahre auf bis zu 200.000 ansteigt. Aus eigener Erfahrung berichtete der Historiker und Autor, dass damals ein sogenanntes Disco-Hopping nicht ungewöhnlich war. Das hieß, dass man schaute, welche Musik so lief und welche Leute so da waren, und wenn es nicht passte, fuhr man einfach weiter zum nächsten Laden.

Sein Ende fand der Boom der Landdiscos im Laufe der 1980-er Jahre. Professionell geführte Großraumdiscotheken liefen ihnen den Rang ab, und die zunehmende Mobilität machte es auch nicht einfacher. Noch ein paar Jahre länger hielt sich die Disco-Kultur in den Jugendzentren. So boomte das JZ Nordhorn bis in die Hälfte der 1990-er Jahre.

Auch zu diesem Aspekt wie auch zu den damals organisierten Musikfestivals hat Werner Straukamp Materialien zusammengetragen, die deutlich machen, wie engagierte junge Leute eigene, von den Erwachsenen unkontrollierte Räume entdeckten und für sich einnahmen. Diese konnten aus Platzgründen nur in Teilen im Katalog veröffentlicht werden. Daher ist der komplette Forschungsbericht als frei herunterladbare pdf-Datei auf der Webseite des Museumsdorfes Cloppenburg veröffentlicht worden.

Longplayer“ als pdf

Die Aspekte, die der Nordhorner Historiker in seinem sogenannten „Longplayer“ ausführlicher beleuchtet hat, sind vielfältig. Aktuell zur Erscheinung des Kataloges und der pdf-Datei konnte Straukamp auf die besonderen Entwicklungen der Disco-Kultur in Zeiten von Corona eingehen, die zum Beispiel von Partyabenden per „Drive-in-Disco“ geprägt waren, und das Geschehen auf den Parkplatz beziehungsweise in das private Auto verlegt wurde. So etwas versuchte vor Ort beispielsweise das „Index“ in Schüttorf, das im Mai und Juni 2020 eine ganze Reihe von Auto-Discopartys veranstaltete.

Die einstige Jugend kommt in die Jahre.“

Weitere besondere Entwicklungen, die Straukamp in seinem Forschungsbericht aufgreift, betreffen die Musealisierung und die Retromanie, die in den 2000-er Jahren in Verbindung mit Pop-, Disco- und Jugendkultur ensteht. Das, was früher neu, subversiv und bei der Mehrheit der Gesellschaft zunächst verpönt war, wird zum Gegenstand von wissenschaftlichen Betrachtungen oder Ausstellungen in bildungsbürgerlichen Orten wie Museen. Und manche Retro-Disco, die eine ältere Klientel (Ü30, Ü50 etc.) anspricht oder sich vergangenen Zeiten (80-er oder 90-er Jahre Party) widmet, wirkt wie eine Nostalgie-Veranstaltung, die auch sentimentale Züge annehmen kann. Die einstige Jugend kommt in die Jahre.

Viel ausführlicher als im Katalog „Charly für ´ne Mark“ widmet sich Straukamp in seinem „Longplayer“ auch den Entwicklungen, die zur Entwicklung einer eigenen Jugendkultur in der Bundesrepublik Deutschland geführt haben. Wie der Historiker dazu unter anderem ausführt, hatte damals der hohe Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung, heute bekannt unter dem Namen „Babyboomer“, und das Wirtschaftswunder daran einen wesentlichen Anteil.

Lange Themenliste

Die Liste der in dem „Longplayer“ behandelten Themen ist aber noch breitgefächerter und reicht von der Entwicklung einer Festival- und Open Air-Kultur über die Entstehung von Jugendzentren bis hin zu Politik, Mode und Werbung.

Nähere Informationen: werner.straukamp@web.de und http://www.museumsdorf.de

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