Zu den Orten, die die deutsche Techno-Szene geprägt haben, gehört auch ein ehemaliges Fabrikgelände in Münster. Hier haben schon „Dr. Motte“ und „Westbam“ aufgelegt.
Vorgeschichte
Es war in der schönen spanischen Stadt Valencia, als ich in den 1990-er Jahren meine erstes Hör- und Seherlebnis mit Techno hatte. Damals machte ich Urlaub, und von unserem Standort auf einem Zeltplatz in Alicante begaben wir uns mit dem Zug auf den Weg. In Valencia angekommen, wurden wir auf die Frage, wo denn hier das Nachtleben zu erleben sei, in Richtung einer Restaurant-, Bar- und Disco-Meile direkt am Meer verwiesen – ausdrücklich versehen mit der Warnung, dass dort wegen einer signifikant hohen Kriminalitätsrate (Diebstahl, Raub, Drogen und sogar Mord) besser vorsichtig sein solle; und keinesfalls sollte man sich in der Nacht am Strand aufhalten, da dort alles Mögliche geschehen könne. Abenteuerlustig und eher sorglos, wie wir damals waren, machten wir uns direkt auf den Weg.
Techno in Valencia
Und so, wie es uns beschrieben wurde, war es auch. Bars, Diskotheken und Restaurants reihten sich zahlreich aneinander, das Meer rauschte im Hintergrund und einige der Gestalten, die dort saßen oder gingen, vermittelten schon einen etwas befremdlichen Eindruck. Noch bis heute erinnere ich mich an eine Gruppe komplett schwarz gekleideter junger Männer, die mit wirren, flackernden und Angst machenden Blicken ihre Umgebung fixierten. Der Eindruck, dass sie wohl illegale Drogen unbestimmbarer Art zu sich genommen hatten, war vermutlich nicht ganz falsch. Was noch auffiel, war die Polizeidichte, aber irgendjemand musste ja die braven Partygänger vor den bösen Buben schützen.
Nachdem wir gut gegessen hatten, stürzten wir uns ins Getümmel und landeten, ohne es zu ahnen, in einer Techno-Disko. Die eher einfach strukturierte Musik war von einer hohen Beat-Dichte, Piano- oder Synthesizer-Loops und viel Bass gekennzeichnet, die Tanzbewegungen hatten durch den Einsatz von Stroboskop-Lichtern zum Teil etwas Zuckendes an sich und die Menge schien wie in Trance zu sein. Ich war sofort „geflasht“, wie früher einmal gesagt wurde. Ich wollte sofort davon einfach mehr, wir blieben den ganzen Abend und die ganze Nacht, so groß war die Begeisterung über diesen für mich damals neuen Sound.
Als ich später in Nordhorn einem anderen Freund davon berichtete, bekam ich eine gute Nachricht. Er erzählte, dass es so etwas auch in Münster gebe. Weitere gute Nachricht: Er mochte diese Musik auch und hatte sogar ein Auto. So machten wir uns über Landstraße und Autobahn auf den Weg in die westfälische Universitätsstadt, die abgesehen von den zahlreichen Studenten doch eher als Hort bürgerlicher Behaglichkeit mit pittoreskem Stadtkern, dem Prinzipalmarkt, bekannt war.
In Münster angekommen, ging die Fahrt in Richtung Münsterlandhalle und von dort direkt auf ein düsteres Industriegelände mit zum Teil abgewrackten Fabrikgebäuden. Auf dem Gelände einer ehemals international tätigen Baufirma hatten sich in Absprache mit der Konkursverwaltung Künstler, Kleinbetriebe und Klubs niedcrgelassen, die gegen Miete die Räumlichkeiten nutzen konnten.
Als ich nun vor Jahr und Tag mit einem Freund zum ersten Mal da war, steuerten wir zunächst die „Sputnik-Halle“ an, in der Alternativ-Rock gespielt wurde. Die Techno-Jünger, so wusste es Insider, würden sich erst gegen 1 oder 2 Uhr nachts, manchmal auch später, einfinden. Aber dafür war auf dem Gelände, wo die Autos geparkt waren, einiges los. Fenster wurden heruntergekurbelt, etwas übergeben, und dann wurde das Fenster wieder hochgekurbelt. Was da vor sich ging, war für die Insider natürlich sofort zu erahnen.
Gegen 2 Uhr verließen wir die Sputnik-Halle und suchten das „Fusion“ auf. In den nebelgeschwängerten und zum Teil sehr dunklen Räumen wiederholte sich dann das Geschehen, das ich zum ersten Mal in Valencia erlebt hatte. Wiederum war ich begeistert von dieser Freude und Exstase, die Techno auszulösen vermag, und bin es bis heute geblieben.
Neben dem Fusion gibt es als Klubs auch noch das „Triptychon“, die „Favela“ und das „Conny Kramer.“
Selbstverwaltung durch Verein
Nachzulesen ist die Geschichte und Struktur des Hawerkamp auf der eigenen Internetseite: „Der Hawerkamp 31 e.V. verwaltet seit dem 1. Januar 2013 das Hawerkamp-Gelände in Eigenregie.
2006 hatte der Vorgängerverein Erhaltet den Hawerkamp e.V. die Selbstverwaltung begonnen. Grundlage ist ein Miet- und Überlassungsvertrag zwischen dem Verein und der Stadt Münster.
Der Hawerkamp 31 e.V. ist ein Mieterverein. Die Mieter des Geländes (Clubs, Schrauber, Künstler und viele mehr) zahlen ihre Miete an den Verein, der sich um die Bewirtschaftung, Verwaltung und Verkehrssicherheit der Gebäude kümmert und somit Erhalt und Weiterführung des Selbstverwaltungsprojektes sichert. Ziel des Vereins ist der Erhalt und die Weiterentwicklung des Selbstverwaltungsprojektes, nicht das Ziel der Gewinn- oder Einnahmemaximierung. Besonderes Ziel ist die Förderung von Kunst und Kultur auf dem Gelände. Das Selbstverwaltungsprojekt ist in dieser Form einzigartig in der Bundesrepublik.
Nach 100-jähriger Firmengeschichte wurde 1988 Peter Büscher & Sohn, eine auch international tätige Baufirma mit Betonwerken, aufgegeben. Das seit 1919 bestehende Betriebsgelände Am Hawerkamp wurde dann von der eingesetzten Konkursverwaltung an Künstler, Kleinbetriebe, Clubs und ähnliche Nutzer vermietet. Im Zuge der Neuordnung des Hafengeländes erwarb die Stadt Münster die Liegenschaft mit den darauf befindlichen Gebäuden. Inzwischen hatte sich hier eine beachtenswerte „Szene“ gebildet, die 1993 in einer ersten gemeinsamen Ausstellung mit dem Titel „Werksgelände“ die ansässigen Künstler vorstellte. Für die Kulturhauptstadtbewerbung der Stadt Münster Anfang der 00er Jahre wurde das Gelände zu einem wichtigen Baustein im Bewerbungsportfolio: hier „sorgen kreative und wagemutige Künstler, Gewerbetreibende … für frischen Wind“. Mit dem „Erhaltet den Hawerkamp e.V.“ konnte der Rat der Stadt dann 2004 im Masterplan zur Hafenentwicklung die Sicherung der „Kulturszene Hawerkamp“ auf den Weg bringen, die ab 2006 in Selbstverwaltung besteht und zunächst bis 2015 befristet war. Seit 2013 wird der „KAMP“ durch den neu gegründeten Verein „H31e.V.“ selbstverwaltet, die Überlassung ist inzwischen mit Verlängerungsoptionen bis 2025 gesichert. Noch heute zeigt sich die Geschichte der Firma Büscher & Sohn auf dem Gelände. Der alte Lockschuppen im Herzen des Hawerkamp dient als Veranstaltungsfläche, die Halle B ist fast im Originalzustand erhalten. Betonplatten bilden ein Gebirge und selbst in den Clubs und Ateliers atmet das alte Betonwerk weiter. Diese Spuren zu erhalten ist eines der Ziele des Vereins. Münster war und ist ein Ort auch der Arbeiter und der Produktion. Der Hawerkamp als Kulturstandort hat seit 25 Jahren seine eigene Geschichte geschrieben.Kunstausstellungen, Konzerte, Clubfestivals, Kunstkurse, legendäre Crossover-Veranstaltungen, Konzerte in Schrauberwerkstätten, Theater in der alten Werkshalle B und das jährliche EdH-Festival ziehen tausende Besucher an. So wie der Hawerkamp ein Ort des öffentlichen Lebens ist, so ist er auch ein Ort der Arbeit. Mehr als 50 bildende Künstler, sowie Drucker, Schneider, Fahrrad- und Autoschrauber, Handwerksbetriebe, Clubs und Konzertveranstalter, Architekten, Caterer, soziokulturelle Vereine, probende Bands und Theatergruppen sind auf dem Gelände tätig.Diese anfänglich eher zufällige Nutzungsvielfalt hat sich bewährt als wesentlich für den Bestand und die Entwicklung des Geländes, da diese Heterogenität sowohl produktive Reibung als auch umsichtige und gegenseitige Energien und Synergien erzeugt, die einer einfältigen Monotonie widerstehen kann. Ein solches „Biotop“ gibt auch den sich sonst fast regelmäßig einstellenden Gentrifizierungen kaum Chancen. Inzwischen ist der „KAMP“ ein weit über regionale Grenzen bekanntes Gelände. So finden Konzerte und Partys mit internationalen Bands und DJ´s statt. Film und Fernsehteams nutzen die einzigartige Kulisse.“